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Dieser Artikel/Kommentar war gestern in unserer Tageszeitung und nachdem ihr sehr darüber geschmunzelt habe, möchte ich ihn euch nicht vorenthalten.... :fg
Weg mit den Büchern
"So viele Bücher!" Diesen Ausruf kennt jeder Buchliebhaber. Dem folgt nur die oberflächlich naiv anmutende Frage: "Haben Sie die denn auch alle gelesen?" Denn diese Frage ist ein Stachel: Nein, natürlich hat man das zwanzigbändige Lexikon nicht gelesen. Aber auch nicht das eine oder andere Buch, das man sich besorgt hat, um es gleich zu lesen, wozu man aber nicht kam, weil irgendetwas dazwischen kam, vermutlich ein anderes Buch,das noch dringender danach verlangte, gelesen zu werden.
Nein, natürlich hat man nicht alle Bücher gelesen, aber man hört doch ihr heimliches Rufen: Lies mich! Bitte, lies mich! Und man ist ein wenig schuldbewusst, weil man diesen sanften Chor bewusst überhört. Es gibt schließlich noch etwas anderes als Bücher.
Natürlich gibt es auch eine Menge Bücher, die man gelesen hat, aber erst wieder lesen würde, wenn man zweihundert Jahre alt werden würde. Warum trennt man sich nicht von diesen Büchern? Ach, der Gründe gibt es viele. Weil man das Buch, das man nicht mehr zu brauchen glaubt, wenige Tage später vermutlich sofort wieder benötigen würde, um eine Stelle, an die man sich noch dunkel erinnert, sicherheitshalber noch einmal im Wortlaut nachzuschlagen. Oder weil man sich, um entgültig von einem Buch zu verabschieden, dieses doch schließlich erst noch einmal in die Hand nehmen müsste, um herauszufinden, warum man einst etwas daran fand. Da hockt man und liest - und stellt, abends, wenn die Ehefrau kommt, das Buch wieder zurück ins Regal.
Natürlich ähnelt ein Buchregal in der gutbürgerlichen Wohnung auch ein wenig der Trophäensammlung de Jägers: Was dem Jäger seine Geweihe an der Wand, sind dem Buchfreund seine Bücher im Regal. Alle, na sagen wir, fast alle selbst gelesen, bis zur letzten Seite durchgeblättert. Welche Mühen stecken darin, wieviele durchwachte Stunden, wieviel geistiger Schweiß hat den Leser so mancher Autor gekostet, der mit mannigfaltig verschlungenen Sätzen und vertrackten Gedanken aufwartete. Wer sich von Büchern leichten Herzens trennt, muss ein willensstarker, durch und durch rationaler sowie äußerst durchsetzungsfreudiger Charakter sein. Der geborene Chef. Und unausstehlich.
Buchfreunde erfreuen sich denn auch immer wieder an der Definition, die der amerikanische Autor und bekennende Buchfreund Ambrose Bierce für das gefunden hat, was abschätzend als Buchwissen diffamiert wird: "Abwertender Begriff, den der Dummkopf für alles Wissen prägt, das über seine eigene ungestrafte Ignoranz hinausgeht."
_________________ Liebe Grüße vom Julchen I declare after all there is no enjoyment like reading!Pride and Prejudice, Jane Austen
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