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BeitragVerfasst: 16.05.2010, 22:57 
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Beiträge: 96
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Ein weitere Magisterarbeit, die ich eben auf dem Rechner gefunden habe. Leider habe ich nur einen Ausschnitt:


Abschlußarbeit

zur Erlangung des Magister Artium

im Fachbereich Neuere Philologien
der Johann Wolfgang Goethe-Universität
Institut für Deutsche Sprache und Literatur II

Thema:
Kamerad, Engel, barmherzige Schwester ...
Zum Bild der Krankenschwester im populären Roman


Gutachter:
Prof. Dr. Walter Raitz

vorgelegt von:
Monika Hofmann-Rösener
aus
Würzburg

Einreichungsdatum: 20.05.1996

4.3 "Ich will Krankenschwester werden."

Zahlreiche Mädchenromane beschäftigen sich mit dem Berufswunsch "Krankenschwester". Aus der Sicht junger Frauen schildern sie die oft anstrengenden Lehrjahre einer Krankenschwester.

Doch der überwiegende Anteil der Romane bietet inhaltlich wenig Vielfalt. Die jungen Frauen durchleben in ihrer beruflichen Laufbahn nur eine Art Scheinemanzipation und müssen einem viel höheren Anspruch gerecht werden als ihre männlichen Kollegen in vergleichbaren Situationen. Um wirklich anerkannt zu werden, müssen die Lernschwestern ständig heroische Taten vollbringen, täglich Leben retten und sich oft in für sie sehr gefährlichen Situationen bewähren.

Weibliche Eigenschaften bzw. hausfrauliche Fertigkeiten müssen natürlich gleichzeitig gepflegt werden. Am Ende ihrer Laufbahn steht dann fast immer die Belohnung für diese Leistungen - das Leben als Krankenschwester und Helferin an der Seite eines geliebten Arztes.
Geradezu klassisch ist in diesem Schema auch ein Konflikt, der entsteht, wenn es darum geht, den Beruf aufgrund familiärer Belange wieder aufzugeben bzw. eigene Interessen hinter die des Mannes zu stellen. So wird trotz der Berufstätigkeit der Frau an traditionellen Geschlechterrollen festgehalten.

Dennoch vermittelt diese Art von Roman ein für junge Mädchen durchaus attraktives Berufsbild. Das Leben einer Krankenschwester ist immer aufregend, und die Mühen und Plagen im Alltag werden durch die Gemeinschaft der Lernschwestern wieder gemildert. Wer möchte da nicht "Susanne Barden“ sein, die sich in ihren Lehrjahren von einem "Dorfmädchen" zu einer anerkannten Gemeindeschwester entwickelt, einen tüchtigen Arzt heiratet, ihm in seine Landarztpraxis folgt und dort als Leiterin einer Schwesternschule und zugleich als mehrfache Mutter ein erfülltes Leben führt?


4.3.1 Berte Bratt "Schwester Lise"

Darstellung und Funktion der Lernschwester Lise

Eirin oder - wie sie sich später nennt - Schwester Lise ist eine typische Vertreterin der gerade beschriebenen Stereotype junger Lernschwestern. Eirin heiratet den Arzt Halfdan Hock und will ihm in seiner Praxis im einsam gelegenen Frostviken helfend zur Seite stehen.
"Eirin ließ sich kurzerhand ein paar schicke Kittel nähen und kleine Hauben, die ihrem Gesicht sehr schmeichelten - das sollte ihre Schwesterntracht sein. Denn sie war fest entschlossen, Halfdans Sprechstundenhilfe zu werden. Sie wollte ihm bei seiner Arbeit zur Hand gehen, ihm durch dick und dünn zur Seite stehen, sie wollte Glück und Leid und Enttäuschung mit ihm teilen. Sie hatte kürzlich amerikanische Arztfilme gesehen und ihre Freude an dem Anblick der blitzblanken Sprechzimmer gehabt...“ .

Diese rein auf Äußerlichkeiten beschränkte Attraktivität des Berufes kann natürlich auf keinen Fall geduldet werden und so Iäßt die Autorin im folgenden die Träume der noch etwas naiven "Sprechstundenhilfe" wie Seifenblasen zerplatzen. Eirin versagt bei ihrer Arbeit, ekelt sich vor den Patienten und flieht am Ende an der Seite eines reichen Freundes aus ihrer Einöde und weg von ihrem Ehemann.
Der didaktische Zeigefinger ist hier deutlich sichtbar, und die Autorin setzt alles daran, ein drastisches Gegenbild zum "blitzblanken Sprechzimmer" zu schaffen. Die hier vollzogene Darstellung der Arzthelferin entspricht wiederum den tradierten Vorstellungen, die der Leser mit diesem Beruf verbindet. Die Anhäufung der "Schattenseiten" wirkt allerdings schon fast übertrieben gegenpolig konstruiert.

Der Darstellung der oberflächlichen Eirin, die zwar mit einem positiven Motiv - dem Manne helfend zur Seite zu stehen - verbunden ist, werden die "wahren" Anforderungen an eine Krankenschwester gegenübergestellt.
„Plötzlich war Eirin klar, was sie zu tun hatte. Sie mußte versuchen, in einem Krankenhaus als Lernschwester anzukommen, und sich in der Krankenpflege ausbilden lassen. Sie mußte, koste es, was es wolle, gerade das auf sich nehmen, dem sie in Frostviken hatte entfliehen wollen. Sie mußte anfangen, Selbstbeherrschung zu üben, und lernen, gegen Abscheu und Widerwillen anzukämpfen. Sie mußte sich erst einmal mit der Arbeit befreunden!“
Eirin will also den Nachweis erbringen, daß sie den Arzt an ihrer Seite verdient hat, und "Selbstbeherrschung" scheint die Eigenschaft zu sein, die sie dazu am dringendsten braucht.

Die Motivation, Krankenschwester zu werden, liegt demgemäß nicht in dem Beruf selbst. Dieser dient nur als geeigneter "Übungsplatz", um die erforderliche Größe und Reife für das Leben als Arzt- bzw. Ehemannhelferin zu erlangen. Die Eirin von der Autorin zugedachte Stellung als Frau ist sehr offensichtlich. "Und da Halfdan Arzt war, galt es, ihm auf seinem Arbeitsgebiet durch Verständnis, Interesse und kenntnisreiche Mitarbeit zu imponieren.“

Bereits hier wird klar, daß es der Autorin mit diesem Mädchenroman nicht um die Darstellung einer jungen Lernschwester oder um die Inhalte des Krankenschwesternberufes geht, sondern fast ausschließlich um die Anforderungen denen eine "Arztfrau" gerecht werden muß, um diesem Mann eine "gute" Ehefrau zu sein.
Eirin muß lernen, sich unterzuordnen, zurückzustehen hinter den Interessen ihres Ehemannes, um von diesem geliebt zu werden. Dieses Verhalten der "Unterordnung" lernt man natürlich am besten in der Ausbildung zur Krankenschwester. "Hier waren die Strengen Augen der Ärzte, das Geschimpfe der Stationsschwester, die Zurechtweisungen der Oberschwester. Hier war ein Arzt ein unnahbarer Gott und nicht ein netter Kamerad; die Oberschwester war eine Untergottheit und nicht ein Mensch, dem gegenüber man sich ein Lächeln herausnehmen konnte; die Stationsschwester wieder war ein unbestimmbares Wesen, mit der die Oberschwester und Ärzte zanken konnten, was sei ihrerseits wieder wettmachte, indem sie das Geschimpfe an die jüngeren Schwestern weiterleitete. Und am schlimmsten waren die grünen Lernschwestern dran. Und am allerschlimmsten, vielleicht, Eirin selbst.“

Somit erfüllt die "Schule" Krankenpflege der Lernschwester Eirin ihre Wünsche und Ansprüche, die sie an sich selbst gestellt hat. Sie lernt, bestehende Hierarchien zu akzeptieren und sich widerspruchslos einzuordnen. Die Autorin stellt ihre Protagonistin als unmündige Krankenschwester ohne eigene persönliche Meinung dar und überträgt damit eine Darstellungsweise auf unsere heutige Zeit, die gleichermaßen am Anfang unseres Jahrhunderts Verbreitung fand.
Sie vermeidet konsequent jegliche Kritik an den beschriebenen Zuständen und erlaubt auch kein Korrektiv der hier geschaffenen "Gottmenschen".

Wichtig ist allein Eirins Entwicklung zu einer Frau, die gelernt hat, sich zu beherrschen und ihren Aufgaben an der Seite ihres Ehemannes gerecht zu werden.
"Übrigens fielen ihr, wie sie sich gestand, Überwindung und Strapazen gar nicht mehr so schwer. Und die Liebe zu Halfdan war nicht mehr die einzige Triebfeder, an diesem selbstgewählten Platz etwas Ordentliches zu leisten. Sie graulte sich nicht mehr vor dem Dienst. Sie empfand keinen Ekel mehr bei Erbrechen, Blutungen und dergleichen. Sie hatte sich an die Arbeit gewöhnt ...Die Krankenpflege erschien ihr nicht mehr wie ein Opfer. Sie war auf dem besten Weg, sie gern zu mögen! Genau besehen hatte die Sache auch ihre netten, drolligen Seiten ...“

Hier offenbart sich nun die Ernsthaftigkeit, mit der die Autorin versucht das Bild einer Krankenschwester zu zeichnen. Nein, der Beruf hat nicht nur mit "Erbrechen" zu tun, er kann auch "drollig" und "nett" sein!
Reichlich trivial wird hier versucht, etwas Sonnenschein in die Weh der "Steckbecken" zu bringen und dadurch die Darstellung der jungen Lernschwester nicht allzu trist erscheinen zu lassen.

Eirin selbst wird durch diese einseitige DarsteIlung nie aIs ernstzunehmender Charakter zu verstehen sein. Eine Sinngebung innerhalb ihrer beruflichen Laufbahn gelingt ihr nur unzureichend, scheint aber auch nie im Sinne der Autorin gewesen zu sein. Für diese ist einzig das private "Glück" ihrer HeIdin wichtig, und so wird am Ende aus der Lernschwester mühelos eine nun für den Arzt geeignete Braut. Der Beruf der Krankenschwester dient der Autorin hierbei als passendes Darstellungsbeispiel einer grundsätzlichen Herabsetzung des Emanzipationsgedankens.

_________________
Liebe Grüße, Diana

"People come, people go – they’ll drift in and out of your life, almost like characters in a favorite book. When you finally close the cover, the characters have told their story and you start up again with another book, complete with new characters and adventures. Then you find yourself focusing on the new ones, not the ones from the past." (Nicholas Sparks: The Rescue)


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