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BeitragVerfasst: 16.12.2013, 06:50 
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Als Fan von Elinor M. Brent-Dyer’s „Chalet School“-Serie, habe ich mich gefreut, dass es hier einen Beitrag dazu gibt.



Leider wurde diese Serie nie ins Deutsche übersetzt. Deshalb habe ich einen Versuch gewagt und das 1 .Kapitel von „The School at the Chalet“ übersetzt:



Hier noch der Link für die Smartphone-Nutzer :ggg:

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Lisa


Der Mensch sollte lesen, wozu es ihn gerade treibt; was er nur aus Pflichtgefühl liest, wird ihm wenig nützen.
(Francois de la Rochefoucauld)


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 Betreff des Beitrags: Die Schule im Chalet
BeitragVerfasst: 23.12.2014, 02:04 
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Die Schule im Chalet
Kapitel 2

Grizel

Grizel Cochrane saß am alten Schulzimmer-Piano und übte fleißig Tonleitern. Sie liebte Musik nicht wirklich, aber ihr Vater bestand darauf, dass sie Klavier spielen lernen musste und um es zu lernen, musste sie auch üben. Ihre Stiefmutter, die Grizel aus tiefster Seele hasste, wie man nur als Kind hassen kann, hatte bestimmt, dass sie trotz ihres letzten Tages zu Hause, die tristen Übungsstunden zu absolvieren hatte.

„Gott sei Dank bin ich ab morgen weg von allem dem hier“ dachte sie, als sie heftig das Gis-dur in die Tasten hämmerte. „ Ich liebe Miss Bettany und Joe ist ein Schatz. Ich bin sicher, sie zwingen mich nicht, täglich drei Stunden zu üben. Gis-Dur, cis-Moll…“
Ihre Finger glitten automatisch über die Tasten, während ihre Gedanken wanderten.
„Ich bin so froh, England zu verlassen, froh, von ihnen weg zu kommen! Sie wollen mich nicht und ich kann sie nicht ertragen!“ Bei diesem Gedanken standen ihr die Tränen in den Augen, aber entschlossen blinzelte sie sie weg und nahm das melodische Moll in Angriff.

Grizel Cochrane war vierzehn-einhalb und hatte begriffen, dass sie ein entschieden ungewolltes Mitglied der Cochrane Familie war. Ihre Mutter war gestorben, als sie gerade fünf war. Grizel konnte sich nur schwach an ein zartes, jammerndes Wesen erinnern, das den ganzen Tag auf der Couch lag und ihre kleine Tochter mit quengeliger Stimme um Ruhe anhielt. Nach ihrem Tod hatte Mr. Cochrane das Kind zu seiner Mutter geschickt und fünf Jahre lang ein Junggesellenleben geführt.
An Grizel‘s zehntem Geburtstag hatte er wieder geheiratet. Völlig unerklärlich hatte er es versäumt, seine zweite Frau zu informieren, dass er eine Tochter hatte. Das fand sie heraus, als sie nach der Hochzeitsreise nach Hause kamen und Grizel sie an der Tür erwartete. Zu sagen, dass die zweite Mrs. Cochrane ungehalten war, beschreibt ihren Zustand viel zu mild.
Zuerst bestand sie darauf, das Kind müsste ins Internat. Ihr Ehemann erklärte ruhig, dass ein Grund für seine zweite Hochzeit war, Grizel unter seinem Dach zu haben. Er wies ebenso darauf hin, dass es Gerede geben würde, wenn man sie fort schickte. Dass wollte Mrs. Cochrane auf keinen Fall und sie gab nach.

Grizel ging täglich zur nächsten großen Schule in die Nachbarstadt und bekam, zumindest dem Anschein nach, die gleiche Aufmerksamkeit wie ihre Freunde. Das Leben bei ihrer Großmutter hatte sie jedoch in manchem verwöhnt und es dauerte nicht lange und sie und ihre Stiefmutter hatten das Kriegsbeil ausgegraben. Mr. Cochrane, von Natur kein besonders liebevoller Vater, wollte sich nicht einmischen. Mrs. Cochrane war nie wirklich unfreundlich, aber sie hatte eine scharfe Zunge und sie verzieh ihrem Mann nicht, dass er sie über Grizel’s Existenz nicht informiert hatte. Langsam aber sicher wurde aus dem eigensinnigen, übermütigen Kind ein nervöses, ängstliches Wesen, das mit schmerzlicher Bereitschaft tat, was man ihm sagte.

Sie wurde später der Anlass für mache ‚Szene‘ und am Tag als Madge Bettany Wind und Regen trotzte, um sie als Schülerin für die Chalet Schule zu bekommen, hatte Mr. Cochrane zu guter Letzt zugestimmt, sie fort zu schicken. Die große Frage war ‚wohin?‘ Für sie kam Madge mit der idealen Lösung ihres Problems. Es war von allen Gesichtspunkten zufriedenstellend. Grizel’s Vater sah ein, dass es kein Gerede in der kleinen Stadt, wo man sich bereits den Kopf über ihre Teilnahmslosigkeit zerbrach, geben konnte, wenn man sie mit so alten Bekannten wie Madge Bettany schickte. Mrs. Cochrane erfreute sich an dem Umstand, dass man nicht erwarten konnte, die Reise von Innsbruck nach Cornwall zu unternehmen – außer in den Sommerferien. Grizel selbst wollte so schnell wie möglich ihr momentanes Umfeld verlassen und Madge ging nach Hause, mit dem aufregenden Gefühl, ihre erste Schülerin bekommen zu haben.

Für die nächsten vierzehn Tage waren alle beschäftigt. Grizel wurde dazu verdammt, Namensschilder in ihre neuen Sachen zu nähen, sowie etliche Ankleideproben zu absolvieren. Zu jeder anderen Zeit hätte sie sich heftig gewehrt. Nun war das alles für sie ein Teil der Freude, weg zu gehen.

Madge vermochte anfangs noch keinen nähren Zeitpunkt für die Abreise zu nennen; doch Dick hatte seinen Heimaturlaub nochmals um einen Monat verlängert und trieb den alten Rechtsanwalt soweit an, dass Mitte April Haus und Möbel verkauft waren, die Kisten gepackt und alles fertig war. Zudem kam, dass die Chalet Schule noch zwei weitere Schülerinnen in Aussicht hatte. Mademoiselle brachte ihre kleine Kusine aus Paris mit, Simone Lecoutier, und ein Geschäftsfreund von Mr. Cochrane, ein Amerikaner, hatte, angefeuert durch dessen Enthusiasmus, Miss Bettany angeschrieben, ob sie im nächsten Schuljahr Platz für die zwölf-jährige Evadne hätte.

Das alles ging Grizel durch den Kopf, als ihre Finger über die Tasten glitten. Es schien ihr nahezu unmöglich, dass sie es war, die am nächsten Morgen von ihrem Vater, der ungewöhnlich nachsichtig war, nach London gebracht wurde um dort in die Obhut von Miss Bettany gegeben zu werden.
Madge und Jo hatten ihre alte Heimat bereits in der Woche zuvor verlassen, um sich von den verblieben Verwandten zu verabschieden.
„Es ist zu schön, um wahr zu sein!“ dachte Grizel aufgeregt: „...und es ist endlich zehn Uhr!“
Sie beendete ihre Tonleiter und schloss das Piano mit einem Knall. Sie hatte vor einigen Minuten gehört, dass ihre Stiefmutter das Haus verlassen hatte. Sie lief in die Küche, wo die Köchin, die sie liebte und wenn möglich verwöhnte, mit einem breiten Lächeln begrüßte und ihr einen Rosinenkuchen* anbot.
„Heiß aus dem Ofen, Miss Grizel, Liebes“ sagte sie. Grizel nahm ihn und verspeiste ihn genüsslich.

“Morgen um dies Zeit werde ich schon nicht mehr hier sein“ sagte sie, als sie aufgegessen hatte.
„Nein, Liebchen. Morgen um diese Zeit sitzt du im Zug“ erwiderte die gute Frau mit ihrer sanften melodiösen Stimme.
„Und danach Paris und nächste Woche Innsbruck!“ sagte Grizel voll Freude. „ Oh, Cookie, ich bin so aufgeregt, so aufgeregt, dass ich einfach nicht still halten kann!“
„Oh ja, Miss Grizel, du wirst eine Menge zu sehen bekommen. Und du wirst Cookie schreiben und ihr alles beschreiben, die Sehenswürdigkeiten in den fremden Städten, nicht wahr?“
„Das werde ich, liebste Cookie! Ich werde so oft wie möglich schreiben.“ Grizel sprang von ihrem Platz, schlang die Arme um den Nacken der Köchin und gab ihr eine herzliche Umarmung. „Ich werde nach Möglichkeit jede Woche schreiben“
„Das ist lieb! Miss Grizel ich war gestern in Bodmin und ich habe dir etwas mitgebracht, dass dich an deine Cookie erinnern soll.“
"Oh Cookie! Das ist so lieb von dir! Was ist es?”
Grizel nahm das schmale Päckchen, befühlte es mit kindlicher Neugier bevor sie es öffnete. Ein Freudenschrei entfuhr ihr, als sie den wunderschönen Füllfederhalter sah.
„Oh Cookie! So einen wollte ich schon immer gerne haben!“
Ihr standen die Tränen in den grauen Augen, als sie ihn vorsichtig untersuchte. Die Köchin schaute auf das schmale freudige Gesicht und fühlte sich belohnt für den langen und beschwerlichen Weg am Vorabend und für das Opfer des neuen Frühlings-Hutes, dass notwendig gewesen war, um den Füller kaufen zu können.
„Ich habe nichts für dich.“ sagte Grizel mit Traurigkeit in der Stimme.
„Du läßt mich deine Neuigkeiten wissen, Liebchen, vielleicht ein oder zwei Ansichtskarten, mehr will ich nicht. Jetzt gehst du besser wieder. Die gnädige Frau ist nur zum Fleischer gegangen und wird es nicht gerne sehen, wenn sie dich hier findet.“

Grizel nickte. Sie wusste nur zu gut, welch Strafpredigt sie beide erwartete, wenn ihre Stiefmutter sie in der Küche antreffen würde.
Nach einer letzten Umarmung und einem Kuss drehte sie sich um und lief nach oben, in ihr kleines Zimmer, ihren neuen Besitz festhaltend. Auf ihrem kleinen Toilettentisch lag etwas Papier und sie probierte ihren Füller aus. Die Köchin hatte in bereits gefüllt und er schrieb wunderschön – nicht zu breit und nicht zu dünn. Sie schrieb ihren Namen einige Male mit Schwung und verstaute ihn in ihrer Aktentasche, als sie die Schritte ihrer Stiefmutter auf der Treppe hörte. Das Papier zerriss sie und stopfte es gerade rechtzeitig in ihre Tasche. Als ihre Stiefmutter das Zimmer betrat, stand sie leise pfeifend am Fenster. Mrs. Cochrane runzelte die Stirn. „Grizel! Ich habe dir schon mal gesagt, dass ich es nicht dulde, dass du pfeifst! Gehorche bitte! So lange du unter diesem Dach wohnst, tust du, was ich dir sage!“
Grizel gehorchte. Die Disziplinierungen der letzten drei Jahre hatten ihr beigebracht wie wertvoll bedingungsloser Gehorsam war, wenn auch sonst nichts.
„Du ziehst besser deine Straßenkleidung an und kommst mit mir,“ fuhr ihre Stiefmutter fort. „Du solltest dich vom Pfarrer und von Miss Fareham verabschieden. Beeile dich und bürste deine Haare. Ich erwarte dich in zehn Minuten unten.“
Sie verließ das Zimmer und Grizel tat wie befohlen; aber die ganze Zeit als sie den neuen blauen Reisemantel anzog und die neuen Straßenschuhe und die rote Mütze aufzog, murmelte sie vor sich hin: „ Nur noch heute! Nur noch einen Tag! Bis morgen dauert es nicht mehr lange!“
Sie wiederholte es leise als sie die Treppe hinunter ging. Mrs. Cochrane hörte das leise Gemurmel und sah sie scharf an.
„Was redest du mit dir selbst, Grizel? Sei doch bitte nicht so albern,“
Grizel wurde rot vor Wut, sagte aber nichts. Brav ging sie an der Seite ihrer Stiefmutter den Gartenweg entlang. Der war gesäumt mit Mauerblümchen und Tulpen, die sich fröhlich im Frühlingswind wiegten. Es ging die Straße entlang, wo sie zwei Mädchen aus ihrer alten Schule trafen.
„Du wirst deinen Freundinnen sicher ‚Auf Wiedersehen‘ sagen wollen.“ Sagte Mrs. Cochrane wohlwollend – sie war immer wohlwollend in der Öffentlichkeit.
„Ich warte im Pfarrhaus auf dich; bleibe aber nicht zu lange, da ich noch ein, zwei Sachen erledigen möchte.“
Sie ging weiter und Grizel blieb bei den Mädchen stehen.
„Morgen gehst du also, Grizel, nicht wahr?“ sagte die ältere der beiden, ein hübsches blondes Mädchen von vierzehn, Rosalie Dene.
„Tut es dir nicht leid, von zu Hause fort zu gehen?“
Bis dahin hatte Grizel’s Stolz sie immer abgehalten, irgendetwas von den häuslichen Verhältnissen preiszugeben. Jetzt machte es ihr nichts mehr aus, es würde mehr als ein Jahr vergehen, bis sie wieder nach Hause kam. Sie würde auch den Sommer über bei den Bettanys bleiben.
„Leid tun?“ sagte sie heftig. „Es tut mir nicht leid. Ich bin froh, so froh, sage ich euch!“
„Grizel!“ keuchte Rosalie. „ Froh, dein Zuhause zu verlassen und weg zu gehen?“
„Es ist nicht wie dein Zuhause.“ antwortete Grizel ernst. „Du hast eine Mutter!“
„Ja, aber du hast Mrs. Cochrane und ich bin sicher, sie ist ganz lieb zu dir.“
„Ja, wenn sie Publikum hat.“ sagte Grizel unbekümmert.
Die beiden Schulmädchen standen stumm vor Schrecken. Sie wussten nicht, was sie sagen sollten.
Grizel brach den Bann und streckte ihre Hand aus.
„ Ich muss gehen.“ Sagte sie kurzangebunden. „Auf Wiedersehen. Ihr könnt ja mal schreiben.”
“Auf Wiedersehen.” sagte Rosalie matt. “ Natürlich schreiben wir, wenn es dir recht ist.”
“Ich schicke Ansichtskarten.” Antwortete Grizel. “Auf Wiedersehen, Mary!”
Mary murmelte einen Abschiedsgruß und Grizel lief los, während die Mädchen ihr nachstarrten.
„Hättest du das jemals erwartet?“ stieß Rosalie hervor.
„Niemals!“ sagte Mary bestimmt. „ Ich hätte niemals erwartet, dass Grizel so ist!“
„Ich bin gespannt, was Mutter dazu sagt.“ überlegte Rosalie.
Was Mrs. Dene tatsächlich sagte, als sie die Geschichte von ihren Töchtern hörte: „ Armes Kleines! Ich hoffe, sie wird dann in Österreich glücklich.“

In der Zwischenzeit eilte Grizel zum Pfarrhaus, wo ihre Mutter sie erwartete. Sie verabschiedete sich vom Pfarrer und seiner Schwester, die das Mädchen gern hatten. Sie hatten Abschiedsgeschenke für sie, einen neuen Kipling und eine große Schachtel Schokolade. Sie sagte „ auf Wiedersehen“ mit echtem Bedauern. Sie waren immer freundlich zu ihr gewesen.
Vom Pfarrhaus gingen sie in die Stadt, um Einkäufe zu erledigen und es erschien dem kleinen Mädchen, dass sie noch nie so viele Bekannte an einem Morgen getroffen hatte. Jeder war sehr nett und wünschte ihr alles Gute und eine angenehme Reise. Ein oder zwei erzählten ihr, wie sie sie um ihre Reise in fremde Länder beneideten und die meisten Leute baten um Ansichtskarten. Grizel versprach sie an Gott und die Welt zu schicken und die ganze Zeit klopfte ihr Herz vor Freude bei dem Gedanken, dass dies das letzte Mal hier in der Stadt für lange Zeit sein würde. Dann gingen sie zum Mittagessen nach Hause und danach schickte ihre Stiefmutter sie zum Spielen, wo sie wie eine Wilde herumlief, bis ihre kleine silberne Armbanduhr sie warnte, dass es fast Teezeit wäre und sie besser nach Hause ginge. Ihr Vater kam zum Tee und brachte ihr eine Kodak Brownie in einer hübschen Ledertasche mit einem Träger für über die Schulter. Insgesamt war die Atmosphäre freundlich und sogar Mrs. Cochrane schien davon angesteckt zu sein, so dass der letzte Abend freundlich verlief.

Am nächsten Tag brachte Mr. Cochrane sie nach London und übergab sie am Victoria Bahnhof in Madge Bettany‘s Obhut.


*Rosinenkuchen = rock buns

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BeitragVerfasst: 18.12.2015, 01:08 
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Wie auch in den Vorjahren, habe ich eine Kapitel aus 'The School at the Chalet' übersetzt.
Zur Erinnerung Kapitel 1 + 2:




und nun dieses Jahr Kapitel 3:


Die Schule im Chalet
Kapitel 3

Pariser Freuden

“Rien à delarer?”
“Rien à declarer!” antwortete Madge bestimmt, ein Auge auf ihre beiden Schützlinge gerichtet. Plötzlich fühlte sie sich sehr jung um die alleinige Betreuerin von zwei jungen Mädchen, zwölf und vierzehn Jahre, zu sein. Der Zollbeamte markierte murmelnd die drei Koffer, die ihr gesamtes Gepäck waren, da Mademoiselle La Pâttre und Dick bereits in der vorherigen Woche zum Tiernsee gereist waren und Koffer, Bücherkisten, Zierrat und Bilder mitgenommen hatten – und das war auch alles, was sie von England mitnahmen.

Die reiseerfahrene Joey half sofort, die Kofferbänder wieder zu befestigen, während Grizel, erhitzt und aufgeregt, staunend um sich schaute, Verwunderung in ihren großen grauen Augen.
Noch nie in ihrem Leben hatte sie England verlassen und so wurde selbst das zugige, nüchterne Zollamt von Boulogne, wo sich alle mit ihren Koffern anstellten, mit einer gewissen Freude von ihr in Augenschein genommen. Die rauen Stimmen der Zollbeamten. Das Geschrei der Mitreisenden, die ungewöhnlichen Züge mit ihren lustigen, hohen Lokomotiven und den kleinen Stufen zu den Wagons war alles neu für sie. Madge warf einen amüsierten Blick auf ihr konzentriertes Gesicht, während sie sich im 2. Klasse Wagen niederließen.

Der einzige weitere Fahrgast war ein kleiner dicker Mann in einem grell karierten Anzug. Er wischte sich sein Gesicht mit einem weißen Taschentuch mit roten Punkten.
“Dat is ja man heiß”, sagte er, sein Akzent verriet, dass er aus Yorkshire kam. „ Sowat von heiß isset für die Jahreszeit“

Vor vielen Jahren, hatte Miss Madge’s Kinderschwester geklagt, dass Madge so freundlich wie eine kleine Promenadenmischung sei. Diese Eigenschaft hatte sie sich immer bewahrt. Sie war stets an Menschen interessiert und, während ihrer 24 Lebensjahre niemals etwas anderes als Freundlichkeit erfahrend, hatte sie die gleiche furchtlose, gewissermaßen vertrauende Haltung, wie das kleine Tier, mit dem die Kinderschwester sie verglichen hatte. Also, statt den gutherzigen kleinen Mann mit eisiger Wohlerzogenheit zu brüskieren, antwortete sie ihm freundlich. Er hatte wenig Bildung, das war offensichtlich, aber er zeigte ein freundliches, vielleicht auch neugieriges Interesse an diesem Trio in seinem Wagon und als sie etwas später Sandwiches und Milch auspackten, verschwand er und kam mit herrlichen Stachelbeeren wieder und er bat sie diese mit ihm zu teilen. Wieder schaute Grizel vergeblich nach der höflich-eisigen Ablehnung, die ihre Stiefmutter ihm zuteil kommen lassen hätte.

Madge dankte ihm für seine Freundlichkeit mit der einfachen Direktheit, die so sehr ein Teil ihres Charmes war und ihm Gegenzug bot sie ihm Sandwiches an.
Während des gemeinsamen Mahles unterhielten sie sich angeregt und noch bevor sie Paris erreichten, hatte er herausgefunden, dass sie beabsichtigte eine Schule in Tirol zu leiten. Er lobte ihren Plan und bot an weiter Schülerinnen bei seinen Kunden zu finden – wie sich herausstellte war er ein Wollherstelleraus Bradford.
Es tat ihnen schon etwas leid, ihm als sie Paris erreichten ‚Auf Wiedersehen‘ sagen zu müssen, aber er fuhr direkt weiter nach Lyons und sie würden die nächsten zwei oder drei Tage in der lebenslustigsten Stadt der Welt verbringen.

Es war fünf Uhr, oder siebzehn Uhr um die französische Zeit zu nennen, als sie ankamen und sowohl Jo als auch Grizel waren so müde, dass Madge keine Pläne für den Abend machte. Sie gingen zu ihrem Hotel, einem ruhigen Haus in der Nähre der Madeleine und nachdem sie die restliche Woche gebucht hatten, wurden sie zu ihren Zimmern geführt und dort bekamen sie ‚thé à l’Anglais‘. Danach badeten sie und Jo wurde ins Bett gepackt, wohin auch Grizel schnell folgte. Um neun Uhr waren sie beide fest eingeschlafen und Madge hatte auch nichts Besseres zu tun, als ihrem Beispiel zu folgen.

Sie wachten alle früh auf und nach dem petit déjeuner mit Kaffee und Brötchen, machten sie sich ausgeh-fertig.
Da sie so nah bei der Madeleine (1) wohnten, war dies ihr erstes Ziel. Jo war schon mal da gewesen, war aber absolut bereit diese großartige Kirche, die Napoleon als eine Ruhmeshalle für seine Soldaten begonnen hatte und niemals beenden sollte, erneut zu besichtigen.

Grizel bestaunte sie: „irgendwie hätte ich nicht gedacht, dass Napoleon ein religiöser Mann war“, bemerkte sie gedankenverloren. „ Was um alles in der Welt veranlasste ihn, eine Kirche zu bauen?“
„War er nicht und wollte er nicht“ erklärte Madge. „Ich habe vergessen, was seine Idee war, aber es war keinesfalls die Idee eines gewöhnlichen Menschen. Aber er war nun auch kein gewöhnlicher Mann. Wie auch immer, es ist ein wundervolles Gebäude, nicht wahr? Wenn auch nicht zu vergleichen mit Notre Dame!“
„Ist er hier begraben?“ fragte Grizel?
„Nein, im Invalidendom(2)“ antwortete Jo, die eine leidenschaftliche Verehrerin der großen Kaisers war. „Wir werden uns sein Grabmal ansehen. Ich muss aber vorher Blumen kaufen. Ich lege immer Blumen hin, damit man sieht, dass sich jemand an ihn erinnert“
“Eine ganze Menge Menschen außer dir erinnern sich an ihn“, sagte ihre Schwester trocken. „Er läuft nicht gerade Gefahr vergessen zu werden. Und um Himmels willen, Jo, mach‘ nicht wieder so eine Szene, wie beim letzten Mal!“
„ Ich habe doch nur Blumen über die Brüstung geworfen.“ protestierte Jo.
„ Ich weiß genau was du getan hast! Wenn du nicht in der Ecke gestanden hättest und wenn du gerade werfen könntest, wäre es nicht so schlimm gewesen! Wie die Dinge lagen, standen wir kurz davor inhaftiert zu werden, weil man meinte du würdest Bomben werfen!“
„Wenn der Idiot sich geduckt hätte, wäre alles in Ordnung gewesen!“ antwortete Joey.
„Wie sollte er wissen, dass du Blumen in seine Richtung wirfst? Natürlich, hätte er es bemerkt, hätte er sich geduckt und der Wachmann hätte sein teures pour-boire gerettet! Wenn du diesmal Blumen an Napoleons Grabmal legen möchtest, musst du dich zufrieden geben, sie einfach so weit wie möglich durch die Brüstung zu schieben! So, ich denke wir haben hier alles gesehen, so dass wir nun zur Champs-Elysées gehen können.

Wir nehmen den Bus dorthin. Von dort laufen wir ein Stück und nehmen dann einen Bus zur Pont Alexandre. Von da kommt man gut zum Invalidendom.
Wen ihr eure Verehrung am Schrein gezollt habt, werden wir zu Mittag essen und danach fahren wir mit der Métro zum Louvre.“
„Und heute Abend in die Oper,“ ergänzte Joey. „ Oh, erstklassig!“

Madge nickte. Mr. Cochrane hatte ihr einen zusätzlichen Scheck gegeben, mit der Bitte, Grizel so viel wie möglich zu bieten. Er war kein hingebungsvoller Vater, aber er hatte ein seltsames Gefühl von Bedauern, dass er seinem einzigen Kind so wenig beutete, dass er sich dazu veranlasst gefühlt hatte und das Geld war reichlich und er hatte sich ausbedungen, dass sie für ihre kleine Schwester ebenfalls davon zahlen sollte.

„Kinder haben mehr Spaß an kulturellen Erlebnissen, wenn jemand im gleichen Alter dabei ist.“ hatte er gesagt. „Bitte schließen Sie Miss Joey bei den Unternehmungen mit ein!“
„Gehen wir wirklich in die Oper?“ fragte Grizel ungläubig.
„Ja. Heute wir La Bohême gespielt. Ich weiß nicht, wie viel du verstehen wirst, aber die Musik ist wundervoll,“ antwortete Madge, als sie in den Bus stiegen. „ Schau aus dem Fenster, Grizel. Wir kommen zum Place de la Concorde, wo die Guillotine während der Schreckensherrschaft stand.“

Joey, die unersättliche Leseratte, murmelte leise „Sydney Carton!“ Doch Grizels Wissen über die Französische Revolution beschränkte sich auf das, was sie aus den Geschichten von Scarlet Pimpernel kannte und als sie den berühmten Platz erreichten, zitierte das jüngere Mädchen den Schlusssatz aus ‚A Tale of Two Cities‘, dem schenkte sie jedoch keine Beachtung.
Die geschäftige, lebendige Champs- Elysées gefiel ihr wesentlich besser. Madge amüsierte sich über diese beiden Mädchen. Ihre Ansichten waren so komplett unterschiedlich.
Joey sah Paris immer durch einen rosigen Nebel der Geschichte und Legende; Grizel, nun da das erste Staunen vorbei war, nahm diese Seite der Stadt als selbstverständlich hin und widmete sich dem Pariser Leben und den Menschen.

Im Invalidendom kam Enthusiasmus für Napoleon auf, das war jedoch vorrübergehend und sie starrte auf Joey, als die treue Verehrerin ein paar Maiglöckchen zwischen das Geländer schob, das das Grabmal des berühmten Kaisers umgab.
Nach dem Besuch des Invalidendoms aßen sie zu Mittag in einem der vielen Restaurants und fuhren dann mit der Metro zum Louvre, der die kleine Kulturbanausin Grizel fast zu Tode langweilte.

Die Oper jedoch war ein voller Erfolg. Es stimmt zwar, keiner der beiden Kinder verstand viel von der Handlung, doch die einzigartige Musik sprach sie beide an und selbst der Verstandsmensch Grizel hatte einen Kloß im Hals, als Mimi starb.

Am nächsten Tag machten sie einen Bootsausflug nach St Cloud und nach Sèvres und das gefiel Miss Cochran wesentlich besser als der Louvre.
„Ich sehe gerne, wenn etwas getan wird“ erklärte sie Joey. „ Natürlich sind Bilder und Statuen okay, aber sie sind nicht halb so interessant wie zu sehen, wenn etwas vollbracht wird. Und ich finde St. Cloud außerordentlich schön! Ich wünschte mir nur, wir hätten auf den Eiffelturm steigen können.“

„Ihr habt heute mehr als genug für einen Tag gemacht,“ meinte Madge mit einem besorgten Blick auf Joeys blasses Gesicht. „Morgen fahren wir raus nach Versailles und am Montag müssen wir uns wieder auf die Reise begeben. Joey, dich schicke ich sofort ins Bett, wenn wir ins Hotel kommen. Du siehst erschöpft aus!“
„Mir geht’s gut“, antwortete Jo. Nichts könnte sie veranlassen zuzugeben, dass ihr Rücken und ihr Kopf schmerzten und dass sie sich nach ihrem Bett sehnte. Wie auch immer, ihre Schwester kannte kannte sie nicht umsonst seit zwölf Jahren und so war es Bettzeit für sie, sobald sie das Hotel erreicht hatten.

Am nächsten Tag fuhren sie nach Versailles und verbrachten lange, glückliche Stunden damit sich in der prächtigen Verschwendungssucht von Ludwig XIV zu verlieren. Die Gärten erfüllten sie mit Bewunderung und Grizel war fasziniert vom Spiegelsaal, wo das Friedensabkommen den Großen Krieg beendete.
Von dort gingen sie zu den Trianons, mit ihrer anmutigen Künstlichkeit, wo Marie Antoinette und ihre Hofdamen in geblümter Seide Milchmädchen und Schäferinnen spielten, während weniger als 30 km entfernt in Paris der Mob anfing nach Brot zu schreien.

Für Madge und Jo war der ganze Ort erfüllt mit heiteren, eleganten Geistern und selbst Grizel wurde von ihnen angesteckt und erwartete fast bereifte und gepuderte Damen zu sehen, die mit erhobenen Fächern und schimmernden Augen winkend hinter einer der Statuen hervorkamen.

Madge war klug genug, sie recht früh zum Hotel zu bringen sobald sie die berühmten Wasserfontänen gesehen hatten und den nächsten Tag verbrachten sie mit dem Besuch in Notre Dame und Einkaufsbummeln.
Grizel war bestrebt, alles zu kaufen, was sie sah, doch Madge hielt sie im Zaum und erlaubte ihr nur einen kleinen Teil ihres Geldes in Francs zu tauschen und bestand darauf, dass sie ihre Einkäufe sehr sogfältig aussuche.
Letztendlich kaufte sie einen Spitzenkragen für die Köchin, etliche Ansichtskarten wurden gekauft und abgeschickt und dann, auf Joeys Vorschlag hin, gingen sie zum, Jardin Luxembourg, der in der Aprilsonne gebadet war. Grizel war ernsthaft interessiert an den französischen Kindern, die dort rum sprangen, aufmerksam beobachtet von Müttern und Kinderschwestern. Das Karussell (3) mit seinen Löwen und Elefanten und dem lustigen Leierkasten nahmen sie dann komplett gefangen und sie bestand darauf, einige Runden zu drehen, sehr zur Belustigung von Jo, die zum Brunnen schlenderte, wo kleine barfüßige Jungen mit kurz geschorenen Haaren ihre Boote fahren ließen, begleitet von Ausrufen „Quel est beau!“, „Ah, mon Dieu!“ , „C’est bien que possible!“, „Voleur! C’est le mien!“ und „Fermes le bee, toi!“

Hier fanden Madge und Grizel sie, wie sie zwei irritiert schauenden Jungen eine mehrsprachige Predigt auf Französisch und Englisch hielt.
„Was um alles in der Welt tust du da?“ wollte ihre Schwester wissen.
„Ich sage ihnen nur, dass sie fair kämpfen sollen.“ Antwortete Jo ruhig. „Ihre Boote kamen sich ins Gehege und sie gingen auf einander los.“
„Dieser“ kühl auf den einen zeigend „ versuchte den anderen zu kratzen und trat ihn. Ich habe sie getrennt und habe ihnen gerade als ihr kamt erklärt, nicht wie Mädchen zu kämpfen.“
Die beiden kleinen Jungen hatten sie mit gruseliger Faszination angestarrt. Als sie nun ihre Erklärung beendete, nahmen sie sich an den Händen, drehten sich auf dem Absatz um und gaben Fersengeld…

„Jetzt hast du sie erschreckt!“ lachte Grizel. „Oh Joey, es ist alles so herrlich! Ich habe den Ring fünfmal gefangen und der Mann sagte, das ist hervorragend!“
„Lasst uns nun zu Mittag essen!“ schlug Madge vor. „Ich habe Hunger, ihr nicht?“

Nach dem Mittagessen schlenderten sie noch entlang der Champs-Elysées gesellten sich zu der fröhlichen Gedränge um den ‚Guignol‘(4), der französischen Version von Punch und Judy.
Danach trafen sie auf die alte Frau, die Spiel Ballons und Zeppeline verkaufte und sie gaben keine Ruhe, bis sie jeder einen erstanden hatten.

In einer Konditorei nahmen sie ihren Tee ein und Grizel erfreute sich wieder einmal an der reizenden Gewohnheit, dass jeder Kunde sich einen Teller und eine Gabel nahm, zur Theke ging und sich Sandwiches und Kuchen holte und dann Platz nahm.
„Das ist so viel sinnvoller, als in englischen Geschäften-„ sagte sie. „ Sie bringen einem immer irgendetwas, was man nicht möchte…“
„Wie diese kleinen schwammigen Kuchen mit Butter-Icing!“ stimmte Jo ihr zu. „Ich verabscheue die! Aber Éclairs, die könnte ich immer essen!“
„Und ganz schön schlecht wäre euch“ sagte Madge bestimmt. „Nein, du möchtest nichts mehr, Joey, mein Kind! Vergesst nicht, unser Zug fährt um neun Uhr. Fertig? Le comptoir, s’il vous plaît.“ Letzteres sagte sie zu der hübschen Kellnerin, die in ihrer Nähe stand.

Danach kehrten sie zurück ins Hotel, packten, aßen zu Abend und um halb acht waren sie am Gare de l’Est und stiegen in den Paris-Wien Express.
„Hier fängt nun unser Österreich Abenteuer an.“ Stellte Jo fest während sie es sich in einer Ecke bequem machte. „Paris kann man nicht mitzählen!“
„ Kannst du nicht? Ich schon!“ rief Grizel. „Alles bisher war so aufregend!“
„Schlaft nun und redet nicht mehr!“ befahl Miss Bettany. „Wenn ihr morgen früh aufwacht werden wir voraussichtlich in der Schweiz sein.“
„Schweiz?“ Grizel setzte sich aufgeregt hin.
„Ja, wir erreichen Basel gegen sechs Uhr morgens. Und nun seid ruhig!“
Und sie weigerte sich auch nur ein weiteres Wort zu sagen und unterband jede weitere Unterhaltung und so wurde es ruhig und nach kurzer Zeit waren alle drei eingeschlafen, während der Zug durch die Nacht fuhr.

(1)

(2)

(3)

(4)

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 Betreff des Beitrags: 7. Dezember
BeitragVerfasst: 07.12.2016, 01:27 
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Wie bereits in den Vorjahren, habe ich ein Kapitel aus 'The School at the Chalet' übersetzt.
Zur Erinnerung Kapitel 1-3:




Die Schule im Chalet
Kapitel 4

Endlich in Österreich!

Es war halb acht am Mittwochabend, als der Wienexpress langsam in den Innsbrucker Bahnhof einfuhr.
Zu diesem Zeitpunkt war Grizel der Bahnfahrt überdrüssig und auch Jo‘s Zunge stand schon seit längerem still. Sie lag ruhig in der Sitzecke und schaute träumend in die Dämmerung.
“Wir haben nur eine Stunde Verspätung!“ stellte Madge fest während sie ihre Sachen zusammensuchte. „Wir haben den letzten Bergzug verpasst, so dass wir für die Nacht ein Hotel suchen müssen.“
„Das finde ich nicht schlimm.“ entschied Grizel. „ Wird Herr Bettany uns treffen oder sollen wir uns alleine durchwurschteln?“
„Dick wird uns schon treffen.“ Sagte Jo und erhob sich. „Wo werden wir absteigen, Madge, im Europa?“
„Das nehme ich doch an“ antwortete ihre Schwester. „Oder vielleicht im Kreide, aber das ist weiter weg!“
„Ich hoffe, dass es irgendwo in der Nähe ist.“ sagte Jo müde. „ Ich würde gerne ein Bad nehmen und dann ins Bett gehen! Hallo, wir bauen ab!"
„Da ist Dick!“ rief Madge als sie aus dem Fenster schaute. Dick hatte sie bereits gesehen und lief zum Wagon und rief eine fröhliche Begrüßung.
„Gebt das Gepäck durchs Fenster!“ rief er.
„Bring‘ die Kinder raus! Ich habe einen Gepäckträger hier! Zimmer sind bereits im Hotel Europa gebucht!”
Laut seinem Vorschlag, reichte Madge das Gepäck durchs Fenster und fünf Minuten später liefen sie den Bahnsteig entlang, Richtung Ausgang, während ein kleiner, gutmütig aussehender Tiroler ihnen mit dem Gepäck folgte.
Dick war ein erfahrener Reisender und sie beide, er und Madge, sprachen fließend Deutsch. Schnell waren sie durch die Schranken und auf dem großen Platz, wo die Zweispänner, die jedoch nur von einem Pferd gezogen wurden, standen und darauf warteten gemietet zu werden, während die Kutscher, malerisch anzusehen in ihren kurzen offenen Jacken, den langen Schürzen und den kleinen grünen Tiroler Hüten mit der unvermeidlichen Feder, an den Rädern lehnten, miteinander scherzend und ihre langen Porzellan-Pfeifen rauchend.
Im Hintergrund konnten sie die hohen schneebedeckten Berge sehen, die sie zu allen Seiten umgaben.
„Müde, Grizel? Hier ist unser Hotel, seht ihr, so praktisch, wenn man vom Bahnhof kommt. Ihr Kinder solltet jetzt schnell etwas essen und dann ins Bett schlüpfen. Morgen früh ist noch genug Zeit, sich etwas anzusehen!“

„Ist im Chalet alles in Ordnung?“ fragte Madge, als sie das große Hotel betraten.
„Ist Mademoiselle’s Cousine angekommen? Ich habe noch eine weitere Schülerin, eine Amerikanerin namens Evadne Lannis. Sie kommt im September“
„Das ist schön für dich!“ antwortete ihr Bruder. „Ja, es ist alles in Ordnung, und die Kleine ,Simone heißt sie, ist letzten Freitag angekommen. Mademoiselle ist bis heute hier unten geblieben und alle Sachen mit dem Zug hochgeschickt. Ich habe das Haus geschrubbt und die gute alte Frau Pfeifen kam mit ihrer ältesten Tochter hoch und wir haben es Tipp top in Ordnung gebracht!
Es gibt einen großen Raum, der als Speisesaal gedacht war, den haben wir in ein Klassenzimmer geändert. Ich habe ein paar Regale aufgebaut und wir haben die Bücher eingeräumt. Zwei kleine Zimmer haben wir für dich und Mademoiselle vorbereitet und auf einen großen Dachboden haben wir die Betten für die Kinder gestellt. Da passen leicht acht Betten rein, also streng dich besser an und hol dir noch vier Schülerinnen.
Es gibt einen Landungssteg direkt gegenüber, da ist das Wasser ziemlich flach. Der alte Braun vom Kronprinz-Karl sagt, dort kann man im Sommer baden. Jetzt hole ich eure Schlüssel, dann könnt ich euch erfrischen, während ich schon mal etwas zu essen bestelle. Kommt in den Speisesaal, wenn ihr fertig seid.“
"Was ist ein Speisesaal?“ fragte Grizel, als sie im Aufzug nach oben fuhren.
„Es ist deutsch für dining-room.“ Erklärte Madge. „Hier sind unsere Zimmer! Beeilt euch, ihr Zwei. Macht euch frisch und klopft dann an meine Tür.”

Freudig erregt beeilten sie sich und waren in erfreulich kurzer Zeit fertig.
Sie gingen runter zum Speisesaal, wo sie von Dick und einem köstlichen Essen erwartet wurden, zusammen mit einem devoten Kellner.
„Nichts wirklich aufregendes,“ sagte Dick. „Nur Kalbsbraten, also Grizel, das ist deutsch für roast veal und Kartoffeln, das sind spuds(1) und Apfelntorte, das ist kein apple-tart, wie man vermuten könnte.“
„Was ist es dann?“ wollte Grizel wissen.
„ Es ist eine Art Kuchen mit Äpfeln belegt,“ erklärte Jo schnell. „Oh, es ist so schön, wieder die lustigen Sachen zu bekommen! Ich glaube, ausländisches Essen ist viel interessanter als Englisches! Müssen wir nach dem Essen wirklich schon ins Bett? Ich möchte noch gar nicht.“
„Bis wir fertig sind, ist es neun Uhr,“ entgegnete ihr Bruder. „ Morgen früh könnt ihr durch Innsbruck laufen, wenn ihr gerne möchtet! Es läuft heute Nacht nicht weg!“
„Wann geht es denn zum Tiernsee hoch!“ fragte Grizel.
„Wir nehmen morgen Abend den halb acht Zug,“ sagte Madge. „ich möchte noch ein, zwei Sachen kaufen und ihr müsst wirklich ein wenig von Innsbruck sehen, wenn wir schon hier sind. Wir werden zum Ferdinandeum Museum gehen und zur Hofkirche und ihr müsst das alte Haus mit dem Goldenen Dach sehen.“
„Ist es wirklich aus Gold?“ fragte Grizel mit ehrfürchtigem Ton.
„Oh je, nein! Und es ist auch nur das Dach eines Balkons vor einem Fenster. Aber es ist sehr berühmt und man sollte es gesehen haben.“
„Dann gibt es noch die Maria-Theresien-Straße mit den modischen Geschäften.“ mischte sich Dick ein „und den großartigen Triumph Bogen. Und ihr müsst runter an den Inn gehen. Ihr habt morgen also mehr als genug zu tun, das kann ich euch sagen. Ich fahre morgens hoch, Madge, nehme die Koffer mit und du kannst mit den Kindern dann abends nachkommen.“
Dem Programm stimmten alle zu und Jo und Grizel wanderten überglücklich ab ins Bett.

Die beiden Älteren machten noch einen kleinen Spaziergang zu dem kleinen Bahnhof, wo die elektrische Bahn, die Stubai-Bahn, abfährt.
„Du solltest mit den Kinder eines Tages hier her gehen“ bemerkte Dick.
„Eines Tages, ja.“ stimmte Madge zu; „aber vergiss nicht, in erster Linie will ich eine Schule gründen!“
„Erdkunde“ meinte er , mit einem Zwinkern im Auge. „Du könntest im Sommer einen Wochenendausflug zum Stubai Gletscher machen. Ihr könntet in Fulpmes übernachten. Das Stubai Tal ist wunderschön.“
“Ich weiß,” seufzte Madge. “Es ist wirklich schön! Aber, oh Dick! Stell dir vor, es funktioniert nicht! Stell dir vor ich versage!”
“Pscht!” sagte er leichthin. “Du wirst nicht versagen. Du hast zu viel Biss dafür! Ein Anderer, vielleicht, aber du nicht! Kopf hoch, altes Mädchen!“
“Aber ich bin noch so jung,” sagte sie “erst vierundzwanzig, Dick!”
Er tätschelte ihren Arm zur Beruhigung.
„Du wirst das schon durchziehen! Ruhig Blut, altes Mädchen! Jetzt gehen wir besser zurück. Du bist müde und solltest im Bett sein.”
“Du hast Recht,” stimmte Madge zu. „Oh, Dick, ich bin so dankbar, bald im eigenen Haus zu sein. Es hört sich so schön an. Wie ist die kleine Simone?“
“Ich habe nicht viel von ihr gesehen,“ antwortete er. „Sie schien ziemlich ruhig zu sein. Ein sehr dunkler Typ, nicht annähernd so hübsch, wie das Grizel-Mädchen.“
„Ja, Grizel wird zu einer Schönheit heranwachsen.“ sagte seine Schwester. „Ich glaube auch, dass sie ebenso klug ist. Oh, Dick, sie und Grizel waren so lustig in Paris! Joey hat alles träumerisch von der historischen Seite gesehen und Grizel ist so nüchtern. Sie konnte Joey und ihre Traumbilder einfach nicht verstehen!“
„Umso besser,“ sagte Dick sehr ernst. „Jo träumt bei weitem zu viel.“
„Nun, sie hatte nicht viel Gelegenheit, etwas anderes zu tun,“ antwortete Madge. „Vielleicht werden Grizel und Simone, und auch Evadne, wenn sie kommt, eine Änderung bei ihr hervorrufen.
„Oh, es wird ihr alleine in den Bergen schon besser gehen,“ war seine Antwort. „Das halbe Problem war ihre Gesundheit. Ich meine, dass es ihr jetzt schon besser geht, auch wenn sie momentan sehr müde ist.“
„Es kann aber auch am Tiernsee regnen,“ erinnerte Madge ihn.
“Das weiß ich wohl. Aber sie wird Freundinnen in ihrem Alter haben. Mach du dir nicht so viel Gedanken, mein Küken!
Es wird alles hervorragend laufen."
Mit diesem Zuspruch war das Thema beendet und kurze Zeit später erreichten sie das Hotel und Madge zog sich zurück.

Den nächsten Tag verbrachten sie mit Einkaufen und Stadtbesichtigungen.
Dick verließ sie am frühen Vormittag und fuhr mit Koffern und Gepäck hoch zum Tiernsee, während die drei Mädchen die Stadt nach Herzenslust erkundeten. Grizel, schnell von Begriff, lernte schnell die ersten deutschen Begriffe und hatte den größten Spaß sie aus zu probieren. Jo, deren deutsch fließend war, fand sich schnell wieder zurecht, wie es auch in Paris schon mit der französischen Sprache war. Sie unterrichtete Grizel unterwegs und stopfte sie voll mit neuen Informationen und so wart es kein Wunder, dass Grizel zunehmend verwirrt war. Das Ergebnis war ein Fehler, den die Bettanys ihr noch lange, immer wieder vorhielten.

Madge hatte beschlossen, die beiden Mädchen zum Haare waschen zu bringen, bevor sie zum See hochfahren würden. Von ihrem letzten Aufenthalt in Tirol, erinnerte sie sich an einen sehr guten Friseur in der Museumstraße und dorthin brachte sie die Mädchen. Der Friseur sprach ein wenig englisch, aber nicht viel.
Als er mit dem Waschen fertig war, fragte er, ob er die letzte Spülung mit heißem oder kaltem Wasser vornehmen solle. Deutsch für ‚hot water‘ ist ‚heißes Wasser‘ . Jo überstand die Prozedur, nachdem sie lauwarmes Wasser gewünscht hatte. Nicht so Grizel. Sie hatte vergessen, wie das deutsche Wort für ‚cold‘ war, aber sie meinte zu wissen, wie das Wort für ‚hot‘ lautete. Die Verlockung, mit ihren Sprachkenntnissen zu glänzen, war zu groß und so brachte sie den Mann zu erschüttertem Schweigen und die Bettany Mädchen zu hilflosen Gelächter, indem sie mutig sagte: ‚heiliges Wasser‘!
Mehr als alles andere, war es der Ausdruck von Empörung auf Hr. Alphen’s Gesicht, der es unmöglich machte für Madge, nicht in ersticktes Lachen auszubrechen; während er selbst, ein äußerst gläubiger Katholik, dass dies wieder einmal ein Beispiel für die Verrücktheit der Engländer war. Es erschien ihm ausgesprochen gotteslästerlich heiliges Wasser zu Haare ausspülen zu verlangen. Wie auch immer, zweifellos wussten es diese armen Kreaturen nicht besser. Mit resigniertem Gesichtsausdruck und ausgestreckten Händen, erklärte er vorsichtig, dass es nicht möglich sei, ihren Wünschen nachzukommen. Er versicherte ihr jedoch, dass er sein bestes Toilettenwasser untermischen würde. Sie solle nur sagen, ob sie das Wasser heiß oder kalt, oder wie das andere ‚Fräulein‘ lauwarm wolle.
Von dieser ganzen Tirade, hervorgebracht in aller Schnelligkeit, verstand Grizel nicht ein Wort. Letztendlich rettete Madge die Situation, das Lachen mühsam unterdrückend und das Waschen konnte zu Ende gebracht werden.

„Ich verstehe einfach nicht, was es da zu lachen gab.“ Bemerkte Grizel zu Joey, als sie den Laden verließen. „Und warum hat der Mann so eine Theater gemacht, als ich nach heißem Wasser fragte? Meinte er, ich würde mich dann erkälten? Tatsächlich wollte ich eine kalte Spülung, aber ich konnte mich nicht an das Wort dafür erinnern, deshalb bat ich um eine heiße Spülung.“
„Nun, das ist genau, worum du eben NICHT gebeten hast.“ ließ Joey sie wissen. „ Du hast den armen Hr. Alphen entsetzlich geschockt.
Mich wunderte nur, dass er die Spülung überhaupt zu Ende brachte!“
„Aber warum? Was habe ich getan?” verlangte die verblüffte Grizel zu wissen.
„Oh, du hast nur nach der letzten Spülung mit heiligem Wasser gefragt! Und dann noch einen Katholiken!“
„Aber ich habe nur gesagt, was du mir beigebracht hast.“ protestierte Grizel.
„Sie hören sich in etwas gleich an,“ gab Joey zu. „Der Anfang ist zumindest gleich. Ich frage mich, ob er den Schock schon überwunden hat?“
Zuerst wollte Grizel ihre Freundin beschuldigen, sie hereingelegt zu haben, als sie jedoch begriff, dass sie den Fehler begangen hatte, stimmte sie in das fröhliche Lachen ein.„Wie auch immer, das ist etwas , was ich nie vergessen werde.“ sagte sie auf dem Weg zum Bahnhof. „Selbst wenn ich es versuchen würde!“
„Nein, das glaube ich auch,“ stimmte Joey zu, Madge kaufte gerade die Tickets nach Spärtz.
„Ich frage mich, ob er versucht hätte, etwas für dich zu bekommen, wenn du darauf bestanden hättest. Die Leute hier sind außerordentlich zuvorkommend. Hallo Madge! Hast du die Tickets bekommen? Fühlt es sich nicht großartig an, in Hunderten und Tausenden zu zählen?“
„Nein, es ist eher ein Ärgernis,“ antwortete ihre Schwester. „Jetzt kommt. Unser Zug steht dort drüben. Kannst du die Bücher so halten, Joey?“

Die Reise von Innsbruck nach Spärtz ist nicht besonders interessant, mit Ausnahme der historischen Stadt Hall, heute berühmt für ihr Salzbergwerk, doch in frühere Zeit hatte es einen großen Ruf als Zentrum von Verschwörungen und Kriegen.

Aber die kleine Bergbahn, die einen bis auf tausend Meter und höher über Meeresspiegel brachte, ist etwas, woran man sich erinnert.
Höher und höher kletterte die Bahn, ab und zu stoppten sie an kleinen Wegesrand-Stationen, bis sie endlich die große Alp, oder Alm, wie es in Tirol genannt wurde, erreichten und dort, vor ihnen, dunkel, wunderschön und klar wie ein Spiegel erstreckte sich der Tiernsee mit seinen drei kleinen Weihern und zwei Dörfern, an den Ufern und überragt an allen Seiten von den mächtigen Kalksteinfelsen und Gipfeln der Berge.
Die Bahn-Endstation heißt Seespitz und hier warteten die Dampfer auf die Passagiere.
Dick war ebenfalls hier, bereit mit den Paketen zu helfen.
„Es ist ein schöner Spaziergang um den See,“ sagte er, „aber heute Abend, denke ich, nehmen wir den Dampfer. Es ist ungefähr 400 Meter näher von der Briesau-Anlegestelle, als von hier und ich weiß, ihr seid alle müde!

Der kleine Dampfer wartete zehn Minuten, dann tönte die Schiffsirene und sie legten ab, erst nach Buchau, auf der anderen Seite des Sees und dann nach Briesau, wo die gute Frau Pfeifen sie willkommen hieß.Sie war ganz gerührt, Madge und Joey wieder zu sehen.

Vom Landungssteg zum Chalet war es ein zehn-Minuten-Fußweg und dann sahen sie das einladende Licht und hörten Mademoiselle’s warmherzige, französische Begrüßung.

Sie waren endlich in der Chalet Schule angekommen!


Anmerkungen
Die kursiv gedruckten Wörter habe ich in der Originalsprache aus dem Buch übernommen.

(1) spuds ist ein altes Wort für Kartoffeln, heute wird eigentlich nur potatoes verwendet

_________________
Lieben Gruß
Lisa


Der Mensch sollte lesen, wozu es ihn gerade treibt; was er nur aus Pflichtgefühl liest, wird ihm wenig nützen.
(Francois de la Rochefoucauld)


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 Betreff des Beitrags: 6. Dezember
BeitragVerfasst: 06.12.2017, 10:35 
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Auch dieses Jahr ein weiteres Kapitel aus 'The School at the Chalet'
Zur Erinnerung Kapitel 1-4:



Die Schule im Chalet
Kapitel 5

Die Schule im Chalet öffnet

Langsam lebten sie sich im Chalet ein. Ende April waren sie so weit, dass sie mit der Arbeit beginnen konnten. Der große Raum, der ursprünglich 80 Leuten Platz zum Essen bot, wurde in zwei Klassenzimmer unterteilt. Daneben entstand ein drittes Klassenzimmer aus einem Salon – der vorherige Chalet-Besitzer hatte es als Restaurant vorgesehen. Ein weiterer Salon, gegenüber der Tür wurde in ein Wohnzimmer für Madge und Mademoiselle umgewandelt.
Es gab keine Teppiche, aber nach einigem Schrubben und dem Einsatz von Bienenwachs, glänzten die Böden. Die Möbel waren alle alt, mit Ausnahme der Schulmöbel. Es gab noch nicht viele, Miss Bettany beabsichtigte hier und da etwas zu kaufen und sich mit den vorhandenen Möbeln zu arrangieren. In der langen Küche im hinteren Teil des Hauses regierte Marie Pfeifen, mit ihrer jüngeren Schwester und einer Cousine als Hilfen, während ihr Bruder Hans Schuhe polierte, Besteck reinigte und sich um den großen Kachelofen kümmerte, der das gesamte Gebäude heizte.

Dicks Heimaturlaub endete am 29. April und er musste sich von ihnen verabschieden, um dann den Paris Express zu nehmen, da er beabsichtigte, in Marseille auf sein Schiff zu gehen.

Die tatsächliche Schularbeit sollte am folgenden Montag beginnen und Madge war sehr aufgeregt, denn zusätzlich zu Joey, Grizel und Simone hatte sie vier Tagesschülerinnen, deren Eltern in der Umgebung wohnten, da das Leben in den Bergen günstiger war, als in der Stadt. Bisher mussten die Mädchen die Schule in Innsbruck besuchen, doch nun, da die Chalet Schule in Briesau öffnete, war es sowohl leichter als auch billiger, sie dorthin zu schicken. Sie würden also mit einer beachtlichen Zahl beginnen.
„Und natürlich gibt es noch jede Menge Sommerurlauber“ sagte Madge, als sie sich mit Mademoiselle unterhielt. „Wenn sie sehen, wie gut die Schule geführt wird, schicken sie ihre Mädchen ebenfalls zu uns.“
Joey und Grizel waren ebenso aufgeregt wie sie. Simone, obwohl ein nettes Mädchen, war sehr schüchtern und ruhig und da sie sehr korrekt erzogen war, schockte die Ausgelassenheit ihre Kameradinnen sie. „Außerdem“ wie Joey erläuterte, “je mehr wir sind, desto mehr Spiele sind möglich.“
Als der Montag kam, waren sie alle gespannt, die Fremden zu treffen.
Die Schule begann um halb zehn und eine kleine Gruppe Schulmädchen kam entlang des Sees, Bücher tragend und plappernd.
„Da sind sie!“ rief Joey von ihrem Aussichtspunkt am Fenster. Dann, einen Augenblick später, fügte sie mit verwunderter Stimme hinzu: „Ich dachte Madge – meine Schwester, meine ich – sprach von vier Schülerinnen!“
„Das ist richtig,“ schaltete Grizel sich ein.
„Nun, wie auch immer, es kommen sechs und eine ist ziemlich klein!“
„Lasst und runtergehen und sie empfangen.“ schlug Grizel vor.
„Gute Idee! Komm‘ mit, Simone!“
Simone folgte ihnen langsam, als sie munter die Holztreppe runter klapperten und nach draußen liefen. Joey, die keine Schüchternheit kannte, sprang fröhlich voraus. Die frische Bergluft zeigte bereits Wirkung und ihre weißen Wangen zeigten bereits einen Hauch von Farbe.
Sie rannte auf die Neuankömmlinge zu, ihre Hand ausgestreckt, erpicht, sie zu begrüßen.
„Hallo!“ sagte sie. „Ich bin Jo Bettany und ich weiß, dass ihr zur Chalet Schule kommt. Wie heißt ihr? Und warum seid ihr zu sechst? Wir haben nur vier erwartet.“
Die so angesprochenen Mädchen hielten inne und schauten sich an. Dann kam eine, offensichtlich die Älteste, vor und nahm Jos Hand.
„How do you do?“ sagte sie in bedächtigem Englisch. „Sie sind Fräulein Bettanys Schwester, nicht wahr? Ich bin Gisela Marani und das sind Gertrud Steinbrücke, Bernhilda und Frieda Mensch, Bette Rincini und meine kleine Schwester Maria.“
„Dies sind Grizel Cochrane und Simone Lecoutier,“ sagte Joey und zeigte mit der Hand in deren Richtung, während sie sie gespannt anschaute.
Die beiden Maranis und Bette Rincini waren zierliche, anmutige Mädchen; Gisela und Maria waren von dunklen Typ, Bette mit welligen braunen Haaren, braunen Augen und warmer Hautfarbe. Gertrud war braunhaarig, grauäugig und sehr hübsch und die beiden Mensches waren von heller, germanischer Art. Sie waren alle zwischen zwölf und sechzehn, mit Ausnahme von Maria, die offensichtlich nicht älter als neun war. Als Gisela sah, dass Jos Augen an ihrer kleinen Schwester Maria hängen blieben, entschuldigte sie deren und Gertruds Anwesenheit:
„Mama meinte, dass, Fräulein - ah, ihr sagt ‚Mees‘, nicht wahr? - Bettany so freundlich sein würde und Marias Anwesenheit erlauben würde. Sie ist jünger als wir, aber es würde zu Hause sehr langweilig für sie sein und sie ist klug. Und Frau Steinbrücke wollte Gertrud schon lange auf eine englische Schule schicken, deshalb ist sie dabei und ihre Mutter wird noch kommen, um es zu klären,“
„Nun, kommt herein und zieht eure Sachen aus.“ sagte Jo und überlegte, was Madge wohl dazu sagen würde. „Hier geht es lang. Dies ist unsere Garderobe. Habt ihr Hausschuhe mitgebracht? Sehr schön! Wir werden heute nicht wirklich Unterricht haben, uns nur einen Überblick verschaffen, wie viel wir wissen, welche Bücher wir benötigen und solche Sachen eben! Gisela, du bist die Älteste, nicht wahr?“
„Ja, ich bin sechzehn Jahre alt,“ antwortete Gisela „und Bernhilda ist die nächste.“
Bernhilda lächelte Joey an, war aber offensichtlich zu schüchtern, etwas zu sagen. Sie und Frieda erinnerten Joey an zwei Puppen, mit ihren hellen Haaren, blauen Augen und der rosigen Haut. Madge hatte ihr gesagt, dass Bernhilda fünfzehn und Frieda zwölf war. Bette sah wie ungefähr vierzehn aus und Gertrud war augenscheinlich im gleichen Alter.
Als sie sich alle umgezogen hatten, führte sie sie in den vorderen großen Schulraum, wohin Grizel und Simone bereits gegangen waren.
„Nun sind wir alle da.“ sagte sie. „Sollen wir uns setzten? Ich nehme an, dass meine Schwester und Mademoiselle in Kürze hier sein werden.“
Sie suchten sich Plätze, Gisela, Gertrud und Bernhilda nahmen drei hintere Pulte, während Bette, Grizel und sie selbst die Reihe davor belegten und Frieda, Simone und die kleine Maria nahmen die vordere Reihe ein. Es war eine Minute still, dann hörte man leichte, flinke Schritte und im nächsten Moment betrat Madge den Raum, hocherhobenen Hauptes, obwohl ihr Herz ziemlich schnell klopfte. Sie hieß sie Willkommen mit ruhiger, zurückhaltender Würde, hörte sich Giselas Erklärung zur Anwesenheit von Gertrud und Maria an und versicherte ihnen, dass sie sie gerne ebenfalls aufnahm, und ging dann zur Tagesordnung über. Das Gebet war etwas schwierig, da alle Tiroler Mädchen und Simone katholisch waren, während sie und Joey und Grizel der anglikanischen Kirche angehörten.
Für den Moment löste sie das Problem, indem sie einen kurzen Text von Thomas von Kempen(1) las und das Vaterunser auf Lateinisch sagte.
„Aber ich muss schnell entscheiden, wie wir das handhaben.“ dachte sie. „Das muss ich mit Mademoiselle besprechen.“
Dem Gebet folgten einige Prüfungen und Befragungen der Mädchen, um einen Eindruck ihrer Kenntnisse zu bekommen, und wie sie einzuteilen waren. Alle Stunden, außer Französisch und Deutsch, würden auf Englisch gehalten.
Sie stellte fest, dass die auswärtigen Mädchen langsamer arbeiteten, als es sonst der Fall wäre und die kleine Maria machte noch nichts.
Die Rechnungen wurden anders gelöst, als sie es gewohnt war und es gab einige drollige Ausdrücke in den kurzen englischen Aufsätzen; aber andrerseits scheiterten Joey und Grizel bei französischen Aufgaben und Simones deutsch war katastrophal und Grizels noch schlimmer.
Letztendlich, nach einigen Überlegungen, entschied sie, alle zusammen, außer Simone, Maria und Frieda, in den englischen Fächern zu unterrichten. Maria, Joey, Grizel und Bette kämen in eine Französischklasse, während die Übrigen in einer weiteren Klasse sein würden. In Deutsch müssten Grizel und Simone eigens unterrichtet werden.
Ebenso war klar, dass sie so schnell wie möglich eine weitere Lehrerin einstellen musste. „Wir wachsen schnell,“ überlegte sie. „Ich hoffe, dass es so weitergeht.“
Um zwölf Uhr beendete sie den Unterricht für den Morgen, bat die Tirolerinnen für den Nachmittag ihre Nähsachen mitzubringen und schickte sie für zwei Stunden nach Hause. In der Zeit hatten die Mädchen ihr Dinner, sie bestand darauf, dass Joey eine Stunde lernte und schlussendlich unterhielt sie sich mit Frau Steinbrücke, einer beleibten, vergnügten Dame, die ihr mitteilte, dass am ganzen Tiernsee über sie gesprochen wurde und die ihr prophezeite, dass sie spätestens im Sommer eine große Anzahl Schülerinnen haben würde.
Pünktlich um halb drei waren alle Mädchen mit ihrem Nähzeug auf ihren Plätzen und Mademoiselle übernahm die Aufsicht. Hier schnitten beide, Jo und Grizel ganz schlecht ab, da beide die Nadelarbeit hassten und selbst die kleine Maria war geschickter als sie, während Gisela an einer wunderschönen Stickerei arbeitete, die für ihre eigene Wäsche bestimmt war. Sie saß neben Grizel und nachdem sie Grizels Mätzchen eine Weile beobachtet hatte, legte sie ihre eigene Arbeit nieder und nahm das stark-misshandelte-Taschentuch, das das englische Mädchen umsäumen sollte.
„Du solltest es so halten,“ sagte sie in ihrem bedächtigen Englisch. „Außerdem klebt deine Nadel. Hier ist eine andere; jetzt versuche es noch mal, bitte!”
So unterstützt, begann Grizel von Neuem, mit etwas besserem Ergebnis.
„Ich hasse Nähen,“ vertraute sie ihrer Helferin an, die ihre eigene Arbeit wiederaufgenommen hatte. „Ich verstehe nicht, warum wir uns abrackern sollen, wenn es Nähmaschinen gibt, die es zweimal so schnell machen!“
„Aber du willst doch wissen, wie die Stiche gehen?“ fragte Gisela.
Mit einem schelmischen Grinsen warf sie die Haare zurück. „Nicht die Bohne!“ sagte sie. Dann, plötzlich das Thema wechselnd, fuhr sie fort: „Ich frage mich, wer zum Head Girl ernannt wird“ – Das erste Head Girl der Chalet Schule!“
„Oh, ja; vom Head Girl haben ich in euren englischen Schulgeschichten gelesen.“ antwortete Gisela freundlich. „Und ebenso von Prefects.“
„Ja. Ich weiß, dass Miss Bettany es genau wie in einer englischen Schule handhaben will, deshalb vermute ich, dass wir die ebenfalls haben werden.“ Sie fing an zu kichern. „Ziemlich komisch, Prefects zu haben, wenn wir gerade mal zu neunt sind.“
„Aber wir werden bald schon mehr sein.” bemerkte Bette Rincini, die bis dahin ruhig an Giselas Seite gearbeitet hatte. „Mama sagte beim Mittagessen…“
Dinner (2) ,“ korrigierte Gisela.
„Ach ja, Dinner – dass bereits viele unserer Freunde über uns sprechen und sie zweifelt nicht daran, dass noch viele Mädchen kommen werden.“
„Das ist prima!“ meinte Grizel. „Ich mag eine große Schule. Habt ihr große Schulen in Innsbruck?“
„Aber ja. Die öffentlichen Schulen sind sehr groß. Ich bin nie zur Schule gegangen. Gisela, Maria und ich hatten eine Hauslehrerin. Aber sie hat uns verlassen, um zu heiraten, und Mama war froh, dass ich hierherkommen kann.“
„Bernhilda und Frieda besuchten eine öffentliche Schule“ warf Gisela ein „aber auch sie sind froh, die zu verlassen. Mein Vater sagt, englische Schulen sind unzureichend, was die Bildung betrifft, aber sie bieten Mädchen ein gesünderes Leben und Herr Mensch stimmt ihm zu. Auch andere stimmen dem zu und deshalb werden wir, wie Bette sagte, schon sehr schnell zu einer großen Schule anwachsen.“
„Unsere Schulen bieten keine unzureichende Bildung!“ rief Grizel, das Gemüt hochkochend. „Man bekommt eine ziemlich gute Ausbildung in der Oberschule.“
„Aber ihr habt so kurze Schulzeiten,“ antwortete Bette. „Ihr arbeitet nicht mehr als fünf bis sechs Stunden. Wir beginnen um acht Uhr am Morgen und arbeiten bis Zwölf. Dann fangen wir wieder um dreizehn Uhr an und arbeiten noch mal vier Stunden.“
„Wie scheußlich!“ rief Grizel ernsthaft. „Fast so schlimm wie in Deutschland.“
„Meine Cousine Amalie hat mir erzählt, dass sie in Deutschland noch härter arbeiten. Und sie haben keinen Sport wie ihr!“
„Nun, wer werden sicherlich nicht so arbeiten.“ Sagte Grizel entschieden. „Ich bin sicher, dass würde Miss Bettany nie zulassen!“
„Nein, sie ist Englisch,“ stimmte Gisela zu.
Um vier Uhr kam das Kommando, die Arbeit zusammenzupacken und die sechs Tagesschülerinnen machten sich fertig für den Heimweg. Die Maranis und Gertrud wohnten in Torteswald, ein kleines Dorf, ungefähr 20 Minuten entfernt von Seespitz und die Mensches wohnten während des Sommers im Seespitz Gasthaus, während Bette den ganzen Weg bis Buchau gehen musste. Da es ein schöner Tag war, beabsichtigte sie zu laufen, statt den Dampfer zu nehmen, und Grizel und Jo boten an, sie bis zur Seespitz Anlegestelle zu begleiten – Simone war in dem Moment verschwunden, in dem sie entlassen worden waren und sie konnten sie nicht finden, obwohl Joey rufend durchs Haus lief.

Es war ein herrlicher Spaziergang und sie empfanden die anderen als angenehme Begleitung, auch wenn die schüchterne Frieda nur lächelte und kaum ein Wort sagte. Gisela, Bette und Gertrud waren bestrebt, alles über englische Schulen zu erfahren, und sie stellten viele Fragen. Die beiden englischen Mädchen stellten fest, dass sie einige Bücher über Schulgeschichten gelesen hatten und sie wollten alles zum Thema Prefects und Head Girl und Sport und Spiel wissen.
„So wie ich das verstehe, sind die meisten von euch sehr ehrenhaft, aber nicht alle!“ sagte Gertrud abschließend.
„Wie meinst du das denn?“ fragte Jo scharf.
„Aber einige mogeln und versuchen vorher an die Prüfungsbogen zu kommen und stehlen.“ antwortete Gertrud.
„Quatsch! So jemanden habe ich nie getroffen!“ erklärte Jo.
„In den Büchern, die ich gelesen habe, steht es aber so.“ beharrte das ältere Mädchen.
„Das ist aber doch nur für die Geschichte.“ erklärte Jo. „Wir machen so etwas nicht – großes Indianer Ehrenwort, Gertrud!“
„Das will ich auch nicht hoffen!“ kam es von Grizel, die mit Gisela und Bernhilda vorging.
Gertruds Gesicht hellte sich auf. „Ach so. Ich bin froh, der Gedanke, dass alle englischen Mädchen ehrenhaft sind, gefällt mir besser. Wir sind euch sehr dankbar, wisst ihr, weil mein Vater sagt, dass die Darlehen von England an Österreich uns helfen, wieder zu einer Nation zu wachsen.“

Jo und Grizel wussten nichts über irgendwelche Darlehen und interessierten sich auch nicht dafür, aber ihnen war bewusst, dass die anderen freundlich sein wollten und sie waren bereit, ihnen entgegenzukommen. Sie schwatzten weiter über Schulangelegenheiten, bis sie das Seespitz Gasthaus erreichten, wo Bernhilda und Frieda sich von ihnen verabschiedeten.
„Habt ihr vielleicht Lust, am Samstag mit uns English Tea einzunehmen?“ fragte Bernhilda, bevor sie sich trennten. „Mama würde sich sehr freuen, wenn ihr und auch Simone kommen würdet.“
„Danke, wir kommen gerne.“ antwortete Joey.
„Unsere erste Einladung.“ sagte sie fröhlich zu Grizel, als sie zum Chalet zurück trabten. „Nun, was hältst du von ihnen?“
„Ich mag sie,“ antwortete Grizel eifrig. “Gisela ist eine Liebe, nicht wahr? Meinst du, Miss Bettany ernennt sie zum Head Girl?“
„Das nehme ich doch an; sie ist die älteste. Ich muss schon sagen, wenn wir weiter so wachsen, wie sie alle sagen, muss Madge sich nach größerem Haus umschauen, oder meinst du nicht?“ sagte Joey mit einem erstaunlichen Mangel an Grammatik. „Und ein paar mehr Lehrerinnen auch! Da ist Simone! Hallo Simone! Warum bist du nicht mit uns gekommen?“
„Ich habe einen kleinen Spaziergang gemacht.“ antwortete Simone.
„Und warum hast du den Spaziergang nicht mit uns gemacht?“ wollte Grizel wissen. „Es ist doch nicht nötig, dass du so alleine losziehst!“
„Ihr wart doch genug!“ meinte Simone.
„So ein Unsinn!“ erwiderte Joey gutmütig. „Du musst dich nicht so absetzen. Wir sind momentan nur zu dritt als Internatsschülerinnen und wir müssen zusammenhalten!“
Simone schaute sie wehmütig an, aber sagte nichts und als sie das Chalet erreichten, stoppte die Unterhaltung.

_______________________
Die kursiv gedruckten Wörter habe ich in der Originalsprache aus dem Buch übernommen.
_______________________
(1) Thomas von Kempen, lat. Thomas a Kempis (* um 1380 in Kempen als Thomas Hemerken; † 25. Juli 1471 im Kloster Agnetenberg („Bergkloster“) bei Zwolle), war ein Augustiner-Chorherr, Mystiker und geistlicher Schriftsteller des 15. Jahrhunderts.(Quelle: Wikipedia)

(2) ‘dinner’ → Abendessen; manchmal auch Mittagessen

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Lieben Gruß
Lisa


Der Mensch sollte lesen, wozu es ihn gerade treibt; was er nur aus Pflichtgefühl liest, wird ihm wenig nützen.
(Francois de la Rochefoucauld)


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 Betreff des Beitrags: Re: 6. Dezember
BeitragVerfasst: 06.12.2017, 15:10 
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Kapitel 6

Joey gibt ein Versprechen

Am Samstag war klar, dass die Chalet Schule sich vergrößern musste; sowohl die Räumlichkeiten als auch das Personal. Die Schule hatte die Arbeit mit neun Schülerinnen aufgenommen. In fünf Tagen waren sie auf siebzehn angewachsen, zwei von ihnen waren englische Mädchen, deren Eltern nach Norwegen reisten und den Mädchen nicht diese strapaziöse Reise zumuten wollten. Es waren, wie Joey sagte, direkt zwei zusätzliche Internatsschülerinnen.

Amy und Margia Stevens, zwei nette kleine Mädchen von acht und elf, die den Großteil ihres kurzen Lebens mit Reisen verbracht hatten, da ihr Vater Fremdsprachenkorrespondent bei einer der großen Londoner Tageszeitungen war. Margia, das ältere Kind, war ein fürsorglicher Typ und sie vergötterte ihre kleine Schwester; Amy war von zierlicher, feenhafter Statur, für die Margia alles Wunderbare verkörperte.

„Es wird wirklich Zeit, dass die beiden mit anderen Kindern zusammenkommen,“ sagte Mrs. Stevens, als sie mit Madge und Mademoiselle sprach. „aber bis vor Kurzem war Amy noch so zart, dass ich sie nirgendwo lassen wollte und es stand nicht zur Debatte, Margia alleine zu schicken. Wir müssen nach Bergen reisen, aber wir möchten sie nicht in eine Klosterschule schicken. Als wir von Ihnen hörten, erschien es uns als Wink des Schicksals.“
Bette Rincinis Cousine kam von Innsbruck nach Buchau, um die Sommermonate mit Onkel und Tante zu verleben, und es wurde als selbstverständlich vorausgesetzt, dass sie auch mit zur Schule ging. Dann kamen noch zwei Schwestern aus Scholastika, vom anderen Ende des Sees und zwei kleine Mädchen kamen vom Kronprinz-Karl-Hotel, wo sie mit ihren Eltern wohnten.

„Es ist ungemein aufregend!“ sagte Joey am Samstagmorgen zu Madge, während sie zusammengerollt auf dem Bett ihrer Schwester hockte. „Ich hätte nicht gedacht, dass Schulen sich so schnell vergrößern.“
„Das tun sie normalerweise auch nicht,“ antwortete Madge, die ihre Locken bürstete.
„Wir hatten einfach Glück.“
Sie legte ihre Bürste zur Seite und begann, ihr Haar hochzustecken. Plötzlich drehte sie sich vom Spiegel weg und schaute ihre Schwester an.
„Joey, ist Simone Lecoutier glücklich? Sie ist so eine ruhige kleine Maus und ihre großen Augen sehen immer traurig aus. Seid ihr, du und Grizel, nett zu ihr? Ich hoffe, ihr zieht nicht alleine los und lasst sie zurück?“
„Glaubst du wirklich, wir wären so gemein?“ wollte Joey empört wissen.
„Also, wir schleifen sie immer mit, wenn wir sie denn finden! Aber sie ist so komisch! Sobald der Unterricht vorbei ist, verzieht sie sich und wohin sie geht, ist uns ein Rätsel.“
Es lag Madge schon auf der Zunge nachzufragen: „Sind die anderen Mädchen anständig zu ihr?“ doch sie erinnerte sich rechtzeitig, dass eine Schulleiterin nicht respektiert werden kann, wenn sie anfängt, ihre Schülerinnen übereinander auszufragen; sie ließ das Thema also fallen und schlug stattdessen vor, dass Joey in ihren Schlafsaal (2) gehen sollte.
„Ich sehe dich so selten,“ grummelte das jüngere Mädchen vor sich hin, als sie sich aus dem Bett schälte. „Frühmorgens ist die einzige Möglichkeit.“
Madge lachte. “Es tut mir leid, Joey, aber ich befürchte, damit musst du dich während des Schuljahres zufriedengeben. Ich mache es in den Ferien wieder gut. Nun lauf! Frühstück beginnt in wenigen Minuten.“

Joey verließ das Zimmer und ging nach unten in den großen Speisesaal, wo Marie gerade einen großen Honigtopf auf den Tisch stellte. Simone war bereits da, und sah, wie immer, geradezu beängstigend ordentlich aus – mit blau-weiß kariertem Kleid und den langen schwarzen Zöpfen. Die Chalet-Schule-Uniform sollte eine kurze braune Tunika mit Oberteil aus Tussorgewebe (1) werden, aber bis jetzt waren Joey und Grizel die einzigen Schülerinnen, die sie bereits hatten, wobei die anderen bereits angefertigt wurden und zumindest Simones bis Montag werden sein würde.

Die Frage der Schwester hatte das Interesse an dem kleinen französischen Mädchen in Joey geweckt und sie beobachtete das jüngere Mädchen ernsthaft, als sie sie mit dem freundlichen Tiroler „Grüß Gott!“ ansprach.
„Bon jour,“ sagte Simone ernst. Sie war ziemlich blass und ihre Augen waren gerötet, als hätte sie geweint.
„Warum antwortest du nicht mit Gottes Gruß?“ fragte Joey lachend. „Ich finde, es ist so eine nette Begrüßung,“ sie kam näher. „Simone, warum hast du geheult? Bist du nicht glücklich?“
„Isch bin zeer glücklisch, vieele Dank,“ erwiderte Simone würdevoll.
„Du siehst aber nicht danach aus,“ antwortete Joey in ihrer direkten Art. „Wenn du glücklich bist, warum bist du nicht ein wenig heiterer?“
Simone richtete ihrer großen Augen auf sie, aber was immer sie sagen wollte, ging unter, da Grizel in dem Moment angelaufen kam, Mademoiselle folgte gemäßigterem Schrittes und Simone wurde wieder verschlossen wie eine Auster.
Tatsächlich ging es ihr gar nicht gut, da sie fürchterliches Heimweh hatte. Sie war in ihrem bisherigen Leben noch nie von ihrer Mutter getrennt gewesen und sehnte sich entsetzlich nach ihr. Sie sagte nichts, da ihre Familie ziemlich arm war und sich über die Chance, ihre Erziehung so günstig zu bekommen, hocherfreut war; denn Mademoiselle hatte darauf bestanden, dass der einzige Lohn, den sie wollte, der Schulplatz für ihre kleine Cousine war. Der kleinen Simone erschien es als schrecklich undankbar gegenüber Cousine Elises Großzügigkeit, wenn sie sich hätte anmerken lassen, dass sie nicht wirklich glücklich war. Hinzu kam, dass weder Grizel noch Jo sie vernachlässigen wollten, doch sie hatten eine Art sich auf alte gemeinsame Zeiten zu berufen, dass sich das kleine französische Mädchen ausgeschlossen vorkam. Vielleicht war Grizel diesbezüglich die schlimmere Übeltäterin. Es war die natürliche Auswirkung ihres bisherigen Lebens zu Hause. Es war traurig, dass Simone die Leidtragende war. Auch an diesem Morgen schlüpfte Simone aus dem Zimmer, sobald das Frühstück vorbei war und die beiden anderen noch einen freundschaftlichen Kampf austrugen, wer von ihnen auf dem Piano im Wohnzimmer üben sollte. Joey vermisste sie erst, als sie fröhlich zum Junior-Klassenzimmer, wie es momentan genannt wurde, lief.

„Wieder weggelaufen!“ dachte sie. „Dann muss meine Übungsstunde warten, auch wenn es eine Schande ist, bei dem schönen Wetter im Haus zu sein! Aber ich muss sie erst finden. Simone! Si-mo-one!“ Sie erhob ihre Stimme zu einem melodiösen Ruf, aber keine Simone antwortete. „Si-i-i-mo-one! Wo bist du? Simone!“
Es kam keine Antwort, also ließ sie ihre Musiksachen auf dem nächsten Stuhl liegen und rannte nach oben, in absoluter Gleichgültigkeit gegenüber den Regeln, um zu schauen, ob Simone Zuflucht im Schlafsaal gesucht hatte. Als sie aber den blass-gelben Vorhang am Bett zurückzog, fand sie den Schlafplatz leer vor. Eine wilde Jagd nach unten und durch alle Zimmer brachte sie auch nicht weiter, Simone war nirgends zu finden. Als sie Marie fragte, wusste diese auch nicht, wo die junge Dame abgeblieben war, sie hatte sie seit dem Frühstück nicht gesehen und sie war sicher, dass sie weder mit Mademoiselle, noch mit Fräulein Bettany unterwegs war, da diese vor einer halben Stunde nach Spärtz aufgebrochen waren.
Das erklärte immerhin, warum niemand ihre wilde Rennerei infrage stellte, wo sie doch eigentlich üben sollte, dachte sich Jo, als sie hinaus, in den warmen Sonnenschein lief und ihren Blick auf den ‚Bärenkopf‘ richtete, einen Berg, der es ihr angetan hatte, auch wenn sie ihn noch nicht bestiegen hatten, da er als gefährlich eingestuft war, auf jeden Fall für Amateure.
„Eines Tages werde ich es versuchen,“ überlegte sie, als sie die majestätischen, schroffen Felsen anschaute. Dann schrie sie auf, denn zwischen den Bäumen die am Fuße des ‚Bärenbad‘, einem weiteren Berg, schimmerte es blau-weiß, wie Simones Kleid.
„Dahin also geht sie!“ überlegte sie, als über den mit Blumen bewachsenen Rasen lief, der zwischen ihr und dem Wald lag; die Übungsstunde hatte sie nun endgültig vergessen. Schnell erreichte sie den Wald, aber bis dahin war Simone bereits verschwunden und obwohl Joey immer wieder rief, erhielt sie keine Antwort. Letztendlich, als sie beschloss aufzugeben und zum Haus zurückzukehren, stolperte sie über eine große Baumwurzel und fiel der Länge nach in ein Nest von Blättern und da war Simone, herzzerreißend schluchzend.
Joey hatte einen Horror vor Tränen und wusste nie, wie man mit weinenden Menschen umgehen sollte. Wie auch immer, es war klar, dass sie die kleine Französin nicht so zurücklassen konnte, also rutschte sie rüber und tätschelte ihr die Schulter.
„Simone! Was ist los? Wein‘ doch nicht so, altes Mädchen! Geht’s dir nicht gut?“

Beim ersten Klang der Stimme sprang Simone halb auf, dann brach sie aber wieder in das kleine Häufchen Elend zusammen, als das Jo sie gefunden hatte.
„Was ist los?“ fragte die Letztere nochmals, als sie einen kühnen Versuch unternahm, das andere Kind in ihre Arme zu ziehen.
„Sprich dich aus, Simone, altes Mädchen!“
„Ich will zu meiner Mama!“ schluchzte Simone auf Französisch. „Ich will zu meiner Mutter und nach Hause!“
„Du armes Kind!“ Simone war ziemlich genau zehn Wochen jünger als Joey, doch diese hatte momentan sehr mütterliche Gefühle. „Du armes Kind! Komm, wein‘ doch nicht, Liebes! Es wird bald besser!“
Simone streckte eine heiße, klebrige Hand nach Joey aus.
„Ich bin so einsam!“ schluchzte sie. „Grizel und du, ihr seid so gute Freunde!“
„Ich muss schon sagen, wir wollten dich niemals ausschließen,“ antwortete Joey und ihr Gewissen ließ ihr keine Ruhe.
„Ich schwöre, wollten wir wirklich nicht!
„Ihr habt die gleiche Nationalität,“ fuhr Simone fort, die nun, da sie einmal angefangen hatte, offensichtlich alles loswerden wollte. „Ihr kommt aus der gleichen Stadt und kennt euch so gut und ich, ich bin alleine. Und jetzt kommen noch Zwei und ich werde immer noch alleine sein.“
Hier verschluckte sie sich vor lauter Schluchzen und war einige Minuten nicht in der Lage, etwas zu sagen. Joey saß still neben ihr und streichelte ihr über die Haare, während sie in Gedanken alles durchging. Dann traf sie eine Entscheidung.
„Simone,“ sagte sie laut. „Es tut mir wirklich leid, das Grizel und ich so biestig waren. Ich sehe ein, dass wir es waren, wenn auch unbeabsichtigt!
Ich möchte, dass du dir das Gesicht abputzt, hier ist ein Taschentuch! Und dann kommst du zurück mit mir und wir fangen noch mal neu an. Ich bin sicher, auch Grizel hat ein Einsehen und wir werden gute Kameraden sein.“
Aber das war es nicht, was Simone wollte. Um die Wahrheit zu sagen, sie hatte eine Zuneigung zu Joey gefasst und Grizel, mit ihrer Lebhaftigkeit und ihren offensichtlichen Vorzügen stieß sie ab. Sie schluchzte also weiter, während Joey, ziemlich verwirrt, am Ende ihres Lateins war.

„Simone, ich wünschte, du würdest aufhören!“ sagte sie dann. "Hör auf zu weinen, altes Mädchen! Ich werde mein Möglichstes für die tun, ehrlich!“
Simone nahm sich zusammen und stieß hervor: „Willst du – meine- Freundin – sein?“ brachte sie hervor.
„Natürlich, will ich! Das bin ich doch, das sind wir beide!“
„Nein; ich meine – meine amie intime! Oh, Jo, ich wünsche es mir so sehr, ich glaube, dann könnte ich glücklich sein! Grizel freundet sich doch so schnell mit jedem an. Gisela Marani mag sie sehr und auch Bette Rincini! Ich will sie nicht zur Freundin; ich will nur dich! Ich habe dich so gerne!“
Es gab nicht viele Leute, die weniger sentimental als Joey Bettany und nun saß sie starr vor Schreck, während Simone ihre Rede hielt. Ihr erster Impuls war „Benimm dich doch nicht so idiotisch!“, das geht aber nicht, wenn jemand sein Tränen verschmiertes Gesicht auf einen richtet und einen mit fast hündischer Anbetung anschaut. Zumindest nicht, wenn man so ein weiches Herz hat wie Jo, die die Kleine umarmte und sagte:
„Okay, wir sind Kameraden. Und jetzt sein Schatz und wisch dir das Gesicht ab.“

„Wirst du meine amie intime sein?“ beharrte Simone, als sie sich die Augen mit Joeys Taschentuch abputzte.
„Wirst du mir alle deine Geheimnisse anvertrauen und mit mir spazieren gehen und lieb zu mir sein?“
„Ja, solange es nicht um andere Menschen geht.“ sagte Joey. „Ich kann nicht mit dir über andere reden, Simone! Und schau mal, du kannst nicht ständig alleine weglaufen. Es könnte ein Gewitter geben oder sonst was und wir wissen nicht, wo du bist. Und wir würden uns Sorgen machen.“
"Das verspreche ich,“ antwortete Simone ernst. „Joey, gib mir einen Kuss. Du hast mir noch nie einen Kuss gegeben.“
Joey gab Simone einen flüchtigen Kuss auf die Wange und sagte dann „Ich küsse nicht viel. Du darfst nicht verletzt sein, wenn dich dir nicht jeden Tag einen Kuss gebe. Das ist in England nicht üblich.“

„Ich glaube, England ist sehr kühl und hart,“ seufzte Simone, als die ausgestreckte Hand von Joey nahm und aufstand. „Aber ich werde daran denken, Joey, dass es nicht deine mangelnde Zuneigung ist, sondern eure Gewohnheit.“
„Du bist voller Blätter, komm, ich klopfe dich ab,“ bot Joey an, schnell das Thema wechselnd. Sie hatte genug davon. „Du musst dich umziehen, bevor wir heute Nachmittag zu den Mensches gehen. In diesem Kleid kannst du nicht gehen, es sieht aus, als hättest du darin geschlafen!“

Sie gingen langsam den Abhang hinunter und über die Wiese zum Chalet, wo sie an der Tür auf Grizel trafen, die gerade ihre Übungsstunde beendet hatte.

Hallo!“ rief sie. „Ich bin gerade fertig. Was sollen wir machen?“
„Ich gehe nun üben,“ antwortete Joe. „Ich habe noch keine Taste angerührt!“
„Noch gar nicht? Du hast doch mit mir angefangen!“
„Nein, ich habe meine Meinung geändert. Ich war draußen, mit Simone, also muss ich jetzt üben und sie muss sich umziehen. Komm schon, Simone!“ Und Joey verschwand im Haus, eine verblüffte Grizel zurücklassend.
Simone folgte ihr und Grizel wunderte sich, erstens, weshalb die Französin geweint hatte und zweitens, warum um alles auf der Welt, Joey ihre Übungssunde jetzt erst begann. Sie kam jedoch zu keiner zufriedenstellenden Lösung, also ließ sie es sein und schlenderte zum Landungssteg, um zu sehen, ob irgendwelche Besucher kamen, denn gerade kam der Dampfer von Buchau. Sie wurde belohnt, als sie eine eindeutig englische Gruppe ankommen sah, die ihr Gepäck dem Gepäckträger des Tyroler Hofes gaben, dem größten Hotel in Briesau. Was sie am meisten interessierte, war die Tatsache, dass neben den gelangweilt schauenden Herrschaften noch ein Mädchen in ihrem Alter dabei war.
„Ich frage mich, ob sie wohl lange bleiben.“ überlegte sie, als sich umdrehte und zum Chalet zurückging, um zu sehen, ob die anderen beiden fertig waren. „Vielleicht noch eine Schülerin für die Chalet Schule. Oh, das würde mich freuen!“


(1) Tussahgewebe (oder Tussorgewebe): Ursprünglich in einem Gebiet in Nordost-Indien erzeugte Gewebe aus Seide von einem wilden Seidenspinner.
(2) dormitory

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Lisa


Der Mensch sollte lesen, wozu es ihn gerade treibt; was er nur aus Pflichtgefühl liest, wird ihm wenig nützen.
(Francois de la Rochefoucauld)


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 Betreff des Beitrags: Re: 6. Dezember
BeitragVerfasst: 06.12.2017, 19:23 
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...und weil heute Nikolaus ist...

Kapitel 7

Das Tiernjoch

„Heute Morgen sind neue Leute angekommen.“ sagte Grizel.

Alle fünf Mädchen – Joey, Simone, Bernhilda, Frieda und sie selbst - pflückten Blumen auf dem Wiesenstück, das sich zwischen Seespitz und Torteswald erstreckte. Die Blumen in Tirol sind wunderschön und jetzt, Mitte Mai, glich der Ort einem wahren Märchenland. Sogar Grizel und Joey, frisch aus Cornwall, wo die Blütenpracht fast so reichhaltig wie in Devon war, waren verzaubert von dem Reichtum zu ihren Füßen und sie hatten die Arme voll Enzian, Anemonen, Leberblümchen, wilden Stiefmütterchen, Narzissen und Gänseblümchen, die sie später in Schalen und Bechern im Chalet verteilen würden.
Es wurde viel über Schulsachen geschwatzt, d. h. Joey und Grizel hatten geschwatzt und die anderen hatten hier und da ein Wort eingeworfen. Nun wechselte Grizel das Thema.

„Heute Morgen sind neue Leute angekommen.“
„Interessant!“ sagte Bernhilda höflich. „Waren es Engländer?“
„Sie sahen so aus,“ erwiderte Grizel. „Sie waren zu dritt – Vater, Mutter und ein Mädchen von ungefähr vierzehn, schätze ich.“
„Vielleich eine neue Schülerin für die Chalet Schule,“ mutmaßte die Ältere, dabei auf ihre Uhr schauend.
„Ich denke, wir sollten zurückgehen, wenn ihr nichts dagegen habt, da wir zum Tee
um …“
„Vier Uhr!“ unterbrach Joey. „Du hast uns die Uhrzeit schon genannt, Bernhilda, aber es ist so verwirrend, wenn du von sechzehn Uhr sprichst.“

Bernhilda lachte. Sie war ein eher ruhiges, wohlerzogenes Mädchen und Fräulein Bettany hatte sich bereits entschieden, sie zum Second Prefect zu ernennen.
Gisela sollte Head Girl werden und Bette und Gertrud sollten Subs werden.
Madge hätte lieber eine Engländerin als Schulsprecherin gehabt, jedoch besaß Grizel bei weitem nicht genug Verantwortungsbewusstsein und Joey war viel zu kindlich, um auch nur daran zu denken.
Bernhilda ging nun zum Gasthaus voraus, sie hatte sich bei Grizel untergehakt, während die anderen drei ihnen folgten, Joey führte das Wort und die schüchterne Frieda antwortete nur mit einem Lächeln.
Simone klebte schon den ganzen Nachmittag an ihrer Seite und es dämmerte Joey, dass diese Freundschaft sich manchmal als recht anstrengend erweisen würde.

So erreichten sie das Hotel, wo die freundliche Frau Mensch sie bereits erwartete, mit Tee und großen Platten voller köstlich aussehender kleinen Kuchen, von denen Joey wusste, dass sie aus Innsbruck kamen, da solche Sachen sich in den Dörfern am See nicht verkauften. Sie begrüßte sie vergnügt und bald saßen alle am Tisch und ihre Gastgeberin wollte wissen „Tee mit Zitrone oder mit Rum?“
Geschockt realisierte Joey, wonach sie gefragt wurde. Sie hasste Zitrone und hatte nicht die geringste Absicht ihren Tee mit Rum zu trinken, daher war sie unsicher, wie sie reagieren sollte. Glücklicherweise kam Bernhilda zu Hilfe.
„Aber Mama,“ sagte sie. „Ich glaube Joey und Grizel trinken ihren Tee lieber mit Milch, nicht wahr?“ wandte sie sich an sie.
„Ja, sehr gerne.“ gab Joey schnell zurück.
Frau Mensch lächelte freundlich. „Natürlich, wenn ihr das so wünscht, liebe Kinder. Kellnerin.“ rief sie. „Wir brauchen bitte Milch!“
Die Milch wurde gebracht, der Tee wurde angerichtet, die Mensches tranken ihn auf die gleiche Weise, wobei Frieda es augenscheinlich nicht so mochte. Gegen Ende der Mahlzeit kam Herr Mensch dazu. Er war ein großer, mächtiger Mann mit hellem Haar und grauen Augen und da er in einer großen Bank in Innsbruck arbeitete, war sein Englisch wesentlicher besser, als das seiner Frau. Seine Kinder vergötterten ihn offensichtlich und er setzte sich, zog Frieda auf seinen Schoß und kam ihr einen schmatzenden, herzlichen Kuss.
„Was hast du heute gemacht, Mädchen?“
„Ich habe mich für meine Stunden am Montag vorbereitet und ich habe unseren Gästen geholfen, Blumen zu pflücken.“ antwortete Frieda bedächtig.
„Solche herrlichen Blumen!“ warf Joey eifrig ein. „Ich finde es wunderschön am Tiernsee!“
„Dir gefällt es bereits, Fräulein?“ sagte er zufrieden. "Dies ist meine Heimat, wo ich geboren wurde, ich habe dort,“ er zeigte auf den blauen See, „manche Tage mit Fischen verbracht. Ich bin auf’s Tiernjoch geklettert, als ich elf war und habe meiner Mutter Edelweiß nach Hause gebracht. Ei! Was war mein Vater böse! Ich bin trotz seines Verbotes gegangen, wisst ihr und der Stock stand bereit für mich; aber meine Mutter hat für mich gesprochen und so kam ich dieses Mal ohne Strafe davon.“ Er brach in schallendes Gelächter aus und die Mädchen fielen ein.
„Warum sollten Sie für das Erklimmen des Tiernjoch bestraft werden?“ wollte Grizel wissen. „Welcher Berg ist es, Herr Mensch?“
„Das Tiernjoch ist gefährlich für jeden, außer den wirklich erfahrenen Kletterer,“ erklärte er, „und das Edelweiß wächst dort, wo es am gefährlichsten ist hinzukommen. Wusstest du das nicht, mein Kind? Kommt mit, ich zeige ihn euch. Wir laufen nach Buchau, kannst du soweit laufen? Und Fräulein Joey und die Kleine? Gut, dann gehen wir nach Buchau und ich zeige euch die Berge und sage euch die Namen, ihr werdet alle sehen. Mama“ wandte er sich an seine Frau „kommst du auch mit?“

Frau Mensch lehnte lachend ab und erklärte, sie sei viel zu alt und zu dick, um hin und zurück zu laufen, und der nächste Dampfer komme erst viel später. Also marschierten die anderen los und hörten gespannt zu, als Herr Mensch ihnen aus seiner Jugendzeit erzählte, als er als kleiner Junge vor mehr als dreißig Jahren hier lebte und es keine großen Hotels gab, nur einen einfachen Gasthof in jedem Dorf, in denen die Tiroler aus den Städten ein oder zwei Nächte verbrachten, wenn sie im Sommer ihren Jahresurlaub mit Klettertouren verbrachten.
„Wir hätten niemals gedacht, dass hunderte Touristen aus aller Herren Länder unseren kleinen See besuchen würden. Und nun haben wir sogar eine Schule!“

„Papa, Grizel sah heute einige Engländer ankommen,“ sagte Bernhilda. „Sie wohnen im Tyroler Hof und sie haben ein Mädchen in unserem Alter. Vielleich kommt sie auch zur Chalet Schule.“
„Das wäre schön – eine weitere Landsmännin,“ überlegte er. „Aber es ist noch früh für englische Touristen. Sie kommen normalerweise nicht vor Juni. Nun schaut, Kinder, das ist das Tiernjoch, der große Berg, der seinen Gipfel in die Wolken streckt. Davor ist das Bernjoch und der dort drüben, auf der Seite, ist der Mittelberg – sie alle sind sehr schwierig zu besteigen. Der Berg, der aussieht, als wache er über Briesau, ist die Mondscheinspitze, verhältnismäßig leicht zu besteigen und es gibt eine Hütte auf der Alm, wo man Milch, Butter und Käse bekommen kann. Dort werden wir eines Tages aufsteigen, wenn Fräulein Bettany es erlaubt. Es ist eine Wanderung durch das Tal und es ist sehr schön auf dem Berg; mit Blumen und Schmetterlinge, die nicht wegfliegen, wenn man näherkommt.“
„Wie hervorragend!“ meinte Joey. „Das würde ich so gerne machen!“
„Ich würde gerne aufs Tiernjoch klettern.“ sagte Grizel plötzlich. „Ich mag Herausforderungen!“
Der gemütliche Riese, er war wirklich fast ein Riese, sah sie mit einem Lächeln an.
„Na-na, mein Kind! Ein braves Mädchen wartet auf den richtigen Tag und die richtige Führung. Das kann vor den Sommermonaten nichts geben. Dann ist es vielleicht möglich. Doch der Ausflug auf die Mondscheinspitze kann man an einem Samstag machen und wir nehmen Tabak für die Hirten mit, trinken von der Milch, die sehr reichhaltig ist und kommen dann zurück.
Um aufs Tiernjoch zu klettern, muss man sehr früh morgens vor Sonnenaufgang losgehen und es ist ein sechsstündiger Aufstieg bis man den Gipfel erreicht. Auf die Mondscheinspitze ist es jedoch ein angenehmer Aufstieg.“

Grizel sagte nichts mehr, ihre Lippen waren jedoch zu einer störrischen Linie gezogen und als Joey es sah, war sie sicher, dass etwas mehr, als Herrn Mensches Rede notwendig war, um Grizel umzustimmen.
„Ich wünschte, wir hätten gar nicht erst davon gesprochen,“ überlegte sie sich. „Ich weiß, dass Grizel nun an nichts anderes mehr denkt und ich werde die halbe Zeit damit verbringen, es ihr auszureden!“
Wie sehr sich bis zum Sommer wünschen würde, dass die Rede nicht darauf gekommen wäre, wusste Joey glücklicherweise noch nicht. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Herrn Mensch, der die Berge aufzeigte:
„Sonnenscheinspitze, Alpenglückjoch, Maria-Theresienspitze, Wolfkopf, Schneekoppen. Diese Berge sind jedoch nicht mit den Dolomiten zu vergleichen.“ fuhr er fort. „Die werdet ihr sicher auch eines Tages zu sehen bekommen.“
„Vor zwei Jahren ist Papa mit uns dahingefahren,“ erzählte Bernhilda. „Wir übernachteten in einem Gasthaus in Primiero und unsere Cousinen waren auch dabei. Es war schön dort und es gibt auch viele wunderschöne Blumen. Dir würde es gefallen, Grizel.“

„Habt ihr welche bestiegen?“ fragte Joey.
„Oh, nein! Die Dolomiten sind sehr schwierig,“ erklärte ihre junge Gastgeberin. „Aber Papa und Onkel Paul haben einige Kletterpartien unternommen. Ein- oder zweimal haben sie auch meinen Bruder mit…“
„Bruder! Ich wusste gar nicht, dass ihr einen Bruder habt!“ unterbrach Grizel, etwas unhöflich, wenn man ehrlich war.
„Doch, mein Bruder ist achtzehn, fast neunzehn Jahre. Er ist an der Universität Bonn.“ erwiderte Bernhilda.
„Eines Tages wird er Doktor sein und vielleicht werde ich dann seine Haushälterin bis er heiratet.“
„Oder eben nicht,“ meinte Joey. „Dick, mein Bruder, sagt immer, er wird nicht heiraten. Er sagt, der Deccan (1) sei kein Ort für Frauen und er liebt seine Arbeit zu sehr, um sie aufzugeben.“
„Ich hoffe doch, Gottfried wird eines Tages heiraten!“ sagte seine Schwester.
„Das hoffen wir alle,“ meinte ihr Vater. "Und jetzt müssen wir umkehren, denn es ist ein ziemlicher langer Weg und die Kleinen sehen müde aus.“

Er streckte die Hand aus und kniff Simone in die Wange, als er sprach.
Sie errötete und rückte näher zu Joey, die plötzliche eine Wut auf sie verspürte. Wenn Simone so idiotisch schüchtern sein würde und den ganzen Tag an ihr kleben würde, könnte es noch sehr anstrengend werden. Und warum um alles in der Welt sagte sie nichts, statt nur so schweigend dazustehen?

„Es ist so nett von Ihnen, uns alles zu erklären, Herr Mensch,“ sagte sie mit einem verstohlenen Schubs zu Simone. „Es erscheint alles doppelt so schön, wenn man alles benennen kann, nicht wahr, Simone?“
„Ja,“ gab Simone leise zurück.
„An einem der nächsten Samstage wollen wir auf die Bärenbad Alp und dort Rahm holen.“ fuhr Joey fort.
„Marie, Marie Pfeifen, die für uns arbeitet, sagt, dass der Rahm dort sehr gut schmeckt und es ist ein leichter Aufstieg, deshalb können wir sogar mit den kleinen Schülerinnen gehen. Weißt du schon, dass wir ab Montag zwei Neue haben werden, Bernhilda?“
„Nein, davon habe ich noch nichts gehört,“ meinte Bernhilda.
„Doch, haben wir. Margia und Amy Stevens. Margia ist elf und Amy ist ungefähr so alt wie Maria Marani. Damit sind wir dann fünf Internatsschülerinnen und vielleicht kommen noch mehr dazu.“

Plötzlich packte Grizel ihren Arm. „Schau mal,“ rief sie. „Da kommen die Leute, von denen ich heute Morgen erzählt habe, die ich zum Tyroler Hof gehen sah! Schau mal, sie kommen in unsere Richtung!“

Sie schauten alle interessiert zu dem Trio, dass ihnen entgegenkam – ein großer, braun gebrannter Mann mit einer aufrechten, soldatischen Haltung, eine kleine, zierliche Frau mit blasser Haut, modisch gekleidet und ein Schulmädchen von etwa fünfzehn, deren hervorstechenden Merkmale ein paar großer dunkler Augen war und ein langer heller Pferdeschwanz, der ihr bis zur Taille ging. Sie ging etwas hinter den beiden Erwachsenen und machte einen mürrischen, unglücklichen Eindruck.
Gerade als die beiden Gruppen auf eine Höhe waren, drehte die Frau sich um und sagte scharf, „Juliet! Halte dich gerade! Guter Gott, Kind, du siehst regelrecht deformiert aus! Nimm sofort die Schultern zurück!“

Der scharfe, keifende Ton rief Erinnerungen an ihre Stiefmutter in Grizel wach und sie erschauerte unwillkürlich. Joey, die das bemerkte, hakte sich bei ihr unter und drückte sie. Das Mädchen Juliet schaute sie im Vorbeigehen neugierig an. Sie machte keine Anstalten, sich aufzurichten und als sie, außer Reichweite waren, kommentierte Bernhilda das.
„Wie ungehorsam!“

„Ich weiß, wie sie heißen.“ sagte ihr Vater. „Er ist ein Captain der indischen Armee, Captain Carrick. Er war heute Morgen in der Bank um Geld zu wechseln.“
„Er sah nicht sehr freundlich aus.“ meinte Joey. „Welch einen hübschen Namen das Mädchen hat – Juliet. Findest du nicht auch, Grizel?“
„Ich finde, sie sah schrecklich unglücklich aus,“ antwortete Grizel. „Und wie ungewöhnlich, so helle Haare bei so dunklen Augen!“
„Findest du?“ fragte Bernhilda. „Viele Menschen in Wien haben diese Farben. Und was das ‚unglücklich‘ betrifft, sie hat nicht gemacht, was ihr gesagt wurde.“
Herr Mensch stimmte dem zu. „Die Jugend muss gehorchen,“ sagte er. „Ist es nicht so, meine kleine Frieda?“
Frieda, die eher glauben würde, sie könne fliegen, als ungehorsam gegen ihre Eltern zu sein, sagte mit ihrer schüchternen, sanften Stimme, „Ja, Papa!“

Grizel machte eine ungeduldige Bewegung, aber Joeys Hand auf ihrem Arm unterdrückte jede Bemerkung, die sie vielleicht machen wollte und sie gingen weiter zum Gasthof und sprachen über die Berge.

Die Mädchen gingen hinein, holten ihre Blumen und verabschiedeten sich von Frau Mensch, die ruhig dasaß und Socken für Frieda strickte. Sie gab ihnen einen Abschiedskuss und hieß sie jederzeit willkommen. Dann gingen sie in Begleitung von Bernhilda und Frieda nach draußen, wo Herr Mensch sie am Bootshaus erwartete.
„Kommt, es ist ein langer Weg und die Kleine sieht müde aus! Ich rudere euch zu eurer Anlegestelle. Bernhilda und Frieda, ihr könnt mitkommen. Lauf, Frieda und sag Mama Bescheid!“
Frida lief schnell zurück und als sie zurückkam, legten sie ab.

Auf dem See war es wunderschön. Für Mitte Mai war es ein warmer Tag gewesen, aber mit dem Abend kam eine leichte Brise, die die Wasseroberfläche etwas aufwühlte und kleine plätschernde Wellen verursachte und Grizels Locken lustig um ihr Gesicht tanzen ließ.
Sie ruderten zur Mitte des Sees und dort lehnte sich Herr Mensch auf die Riemen und nickte in Richtung des Berges, den er Alpenglückjoch genannt hatte.
„Schaut! Heute Abend ist Alpenglück!“
Sie drehten sich, um zu schauen, und da sahen sie, wie die grauen Kalksteine durch die untergehende Sonne in rosiges Licht getaucht wurden. An der gesamten Westseite des Tiernsee erstrahlten die Gipfel in diesem Glanz.
Es strahlte am silbernen Gebirgszug, hoch oben an der Sonnenscheinspitze und warf sogar einen leichten Glanz auf den See. Das Wunder hielt fünf Minuten an, dann verblasste es und Herr Mensch nahm die Ruder wieder auf und ruderte sie gemächlich zum Chalet-Landesteg.

„Das ist wunderschön“ flüsterte Joey. Ihre Fantasie wurde beflügelt von der Schönheit der Natur. „Ich habe den Sonnenuntergang schon ein oder zweimal von Fenster aus gesehen, aber noch nie vom See aus.“
„Ja, es ist prächtig,“ meinte Herr Mensch; „aber es bringt immer eine Schlechtwetterfront mit. Morgen wird es regnen.“

Währenddessen legte er an und half ihnen aus dem Boot. Madge hatte sie kommen sehen und kam zum Landesteg, um sie in Empfang zu nehmen. Als die Mensches wieder weg waren, drehte sie sich zu den Dreien um.

„Mädchen! Ich habe Neuigkeiten! Wir haben eine weitere Tagesschülerin. Sie ist Engländerin, ihre Leute sind Anglo-Inder. Sie sind gerade erst am Tiernsee angekommen. Sie sind direkt gekommen, als sie von uns hörten und sie fängt am Montag an. Sie fünfzehneinhalb und war nur gelegentlich in der Schule. Sie sind Armeeangehörige und ihr Name ist…“

„Juliet Carrick!“ platzte Grizel ungeduldig heraus. „Oh, Fräulein Bettany, bitte sagen Sie, dass sie es ist!“
Madge schaute sie verwundert an. „Ja, sie ist es,“ bestätigte sie; „aber woher weißt du das?“
Sie erzählten ihr von dem Treffen in der Nähe von Buchau und Grizel betonte die Art und Weise, wie Mrs. Carrick mit dem Mädchen gesprochen hatte.
„Ich bin sicher, sie ist die Stiefmutter!“ schloss sie.
„Nein, ist sie nicht.“ sagte Madge. „Komm bitte nicht auf wilde Ideen, Grizel. Sie sind heute erst angekommen und ich nehme an, dass Mrs. Carrick einfach müde war.“
Grizel sagte weiter nichts und auch Madge dachte nicht weiter darüber nach. Als Herr Mensch jedoch davon hörte, sah er sehr nachdenklich aus.

„Ich hoffe, die Geschichte geht gut aus für Fräulein Bettany.“ Sagte er zu seiner Frau. „Mir gefiel der Mann nicht, ich traue ihm nicht über den Weg.“
Er beschloss Madge zu raten, ihrem Bruder zu schreiben und um Informationen über diese so plötzlich aufgetauchten Leute zu bitten.

Wie auch immer, als es Madge bei nächster Gelegenheit darauf ansprach, hatte sie den Brief bereits abgeschickt.
„Ich weiß, es ist verrückt, jemanden so plötzlich aufzunehmen, aber sie waren so besorgt und irgendwie haben sie mich überredet. Selbstverständlich haben sie die Schulgebühr für dieses Halbjahr bereits bezahlt und wenn ich einen negativen Bescheid von meinem Bruder bekomme, dann kann ich sie leicht loswerden, indem ich sage, dass wir bereits voll sind. Aber wahrscheinlich ist es eh nur für dieses Halbjahr, da sie im September weiter nach England wollen. Sie hatten vom Tiernsee gehört und wollten die Gegend gerne sehen und haben ihre Heimreise deshalb unterbrochen.“

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Die kursiv gedruckten Wörter habe ich in der Originalsprache aus dem Buch übernommen.
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(1) Dekkan oder Dekhan, englisch auch Deccan, ist die Bezeichnung für den südlichen Teil des Indischen Subkontinents, der im Norden von der Indus-Ganges-Ebene, im Westen vom Arabischen Meer und im Osten vom Golf von Bengalen – zwei Ausläufern des Indischen Ozeans – begrenzt wird und sich im Süden über das Kap Komorin hinaus bis zum Bergland Sri Lankas erstreckt.(Quelle: Wikipedia)

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 Betreff des Beitrags: 12. Dezember
BeitragVerfasst: 12.12.2018, 06:52 
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Auch dieses Jahr ein weiteres Kapitel aus 'The School at the Chalet'
Zur Erinnerung Kapitel 1-7:



Die Schule im Chalet

Kapitel 8

Das erste Prefects-Treffen

„Gisela!”
„Ja? Suchst du mich, Gertrud?”
„Würdest du bitte eine Versammlung für die Prefects einberufen?”
Gisela legte den Füller hin, den sie die ganze Zeit gehalten hatte und wandte sich mit überraschter und fragender Miene an ihre Freundin.
„Eine Versammlung, Gertrud? Warum denn? Ist etwas passiert?”
“Nein,” meinte Gertrud, „aber ich befürchte, dass ziemlich bald etwas passieren wird.”
In ihrer Besorgnis vergaß sie die Schulregel, die besagte, während der Schulstunden; ausgenommen im Französisch- und Deutschunterricht; nur englisch zu sprechen; und sie verfiel in ihre Muttersprache.
„Oh, Gertrud! Nicht vergessen – ENGLISCH!” sagte Gisela vorwurfsvoll.
„Es tut mir leid, Gisela! Ich dachte an die Versammlung” entschuldigte sich Gertrud. „Soll ich meinen Namen ins Ordnungsbuch eintragen?”
„Nein,” sagte das Head Girl bestimmt. „Es ist nicht gut, wenn die Junioren einen Namen eines Prefects darin lesen. Es ist besser, direkt mit Miss Maynard zu sprechen. Aber jetzt sag’ mal, warum möchtest du dieses Treffen einberufen?”
„Es droht Unheil,” antwortete Gertrud und hockte sich auf den Schreibtisch ihrer Freundin. „Verantwortlich ist zum Teil die Neue, Juliet Carrick, aber ich glaube, Grizel Cochrane ist auch daran beteiligt.”
„Wie übel!” Gisela runzelte die Stirn.
Während der sieben Wochen als Head Girl, hatte sie noch keine wirklichen Probleme zu bewältigen gehabt. Das lag einerseits an der neuen Situation, in der sich alle gleichermaßen befanden, aber genauso hatte ihre eigene Persönlichkeit Einfluss. Miss Bettany hatte klug daran getan, sie zum Head Girl zu ernennen. Bernhilda war eine hervorragende Stellvertreterin und Bette und Gertrud arbeiteten sich schnell ein in ihre Aufgaben als Subs, aber die verlässlichste Person war Gisela. Sie sammelte jetzt ihre Unterlagen ein und packte sie schnell in ihr Schließfach, während Gertrud am Fenster stand und auf die Wiesenlandschaft schaute, wo ein halbes Dutzend Junioren unter Joey Bettanys Anleitung cross-tag (1) spielten.
„Fertig?” fragte sie dann an Gisela gewandt. „Soll ich die anderen rufen? Sie sind am Bootssteg.”
„Ja, Gertrud. Sag’ ihnen sie sollen in unser Zimmer kommen.” antwortete Gisela. „Ich warte dort auf euch!”
Vor drei Wochen hatte Madge Bettany nach langen Gesprächen mit Mademoiselle und Miss Maynard, die als Mathematiklehrerin eingestellt war, den Prefects einen kleinen Raum in der ersten Etage übergeben.
„Selbst, wenn sie nur vier Stühle darinstehen haben, wird es ihnen das Gefühl geben, ein wenig anders zu sein, als die restlichen Schülerinnen.” meinte sie. Miss Maynard, selbst eine Internatsschülerin, stimmte dem zu und die vier begeisterten Mädchen hatten nun einen eigenen Prefects-Raum, vom dem sie schon so viel in englischen Schulgeschichten gelesen hatten. Miss Bettany hatte ihnen erklärt, dass sie ihnen außer vier Stühlen und einem Tisch, momentan noch keine weiteren Möbel geben konnte; doch die Mädchen hatten sich sofort zusammen getan, Gisela brachte einige Bilder mit und zwei Blumenschalen, Gertrud überredete ihren Bruder ihr ein Paar Bücherregale zu bauen; Bernhilda steuerte ein hübsche blau-weiße Tischdecke und eine schicke Schreibtischgarnitur bei und Bette präsentierte eine kleine Uhr und eine Konsole dafür. So hatten sie sich ein hübsches kleines Refugium geschafften und Gisela fühlte jedes Mal eine freudige Erregung, wenn sie den Raum betrat. Sie waren bestrebt alles so weit wie möglich einer englischen Schule gleich zu tun und darüber hatte es schon viele Konsultationen gegeben. In einem Buch hatte Gertud vom ‘Prefects-Board‘ gelesen und nun hing so eine Tafel über den Bücherregalen mit den unterschiedlichsten Notizen, geschrieben in Giselas säuberlichen Handschrift, die übrigens schon wesentlich weniger klar war, als am Anfang, da sie versuchte die geschwungene Handschrift der Schuldirektorin zu kopieren.
Die beiden großen Blumenschalen waren gefüllt mit Alpenrosen und an diesem sonnigen Nachmittag war der Raum so hübsch, wie man es sich nur wünschen konnte. Die Schulsprecherin gruppierte die Stühle um den Tisch und setzte sich ans Kopfende, vor sich Stift und Papier. Sogleich hörte sie die nahenden Schritte auf der Treppe und dann kamen die Drei herein. Sie sahen sehr fesch und tüchtig in ihrer Schuluniform aus, die natürlich alle Mädchen trugen. Gisela sah sie wohlwollend an: keine englischen Prefects könnten ihren Namen mehr Ehre machen!
„Gertrud sagte, dass du ein Prefects-Treffen wünschst,” begann Bernhilda, als sie sich an Giselas rechter Seite niederließ. „Worüber willst du mit uns sprechen?”
„Es war Gertruds Idee,” antwortete die Schulsprecherin. „Sie meint, dass einiges ziemlich – “
„schief geht…” ergänzte Bette, als Gisela eine Pause machte, um das richtige Wort zu finden. Es war allen ein Rätsel, wie Bette es bewerkstelligte, die Umgangssprache so schnell zu erfassen und auch korrekt zu benutzen. Die Fortschritte der ausländischen Mädchen im englischen waren wesentlich größer, als bei Grizel, Juliet oder die beiden kleinen Stevens-Mädchens in Französisch oder Deutsch. Joey musste sich nur wieder an diese beiden Sprachen gewöhnen, sie sprach sie fließend und auch umgangssprachlich. Bettes Akzent war nahezu perfekt, außer dem etwas rollendem ‘r' und der Eigenart, jedes Wort ausführlich zu betonen. Die anderen Mädels sprachen einigermaßen fließend, aber selbst Gisela fehlte mal ein Wort; Bette niemals.
Die Schulsprecherin nickte ihrer Sub zu und fuhr fort:
„Gertrud befürchtet, dass Grizel Cochrane und Juliet Carrick Ärger machen werden. Ich selbst habe noch nichts bemerkt. “
„Ich schon,” sagte Bette ruhig. „Ich kann Gertrud nur zustimmen und ich glaube, Juliet Carrick ist die treibende Kraft.”
„Was veranlasst dich zu dieser Vermutung?” wollte Gisela wissen.
„Nun, bis sie zu kam, wäre es Grizel Cochrane niemals eingefallen unsere Autorität in Frage zu stellen. Aber jetzt ist sie unmöglich.” erklärte Bette „Sie wird sogar unverschämt.”
„Wie das? Sie war mir gegenüber bis jetzt noch nicht unhöflich. Wie hat sie sich dir gegenüber verhalten?”
„Ich habe ihr gesagt, sie solle ihre Schuhe wegräumen,” erzählte Bette, „und sie meinte es wäre nervig, ständig pingelige Ausländer um sich zu haben. “
„Das war sehr unverschämt, “ sagte Gisela langsam. „Wie hast du reagiert?”
„Ich sagte, dass es mir leidtut, dass sie so denkt,” erklärte Bette, „aber da ich Sub-Prefect bin und es zu meinen Aufgaben gehört, darauf zu achten, dass die Stiefelkammer aufgeräumt ist, achte ich darauf.”
„Was sagte sie dazu?” wollte Bernhilda wissen.
„Ich halte mich wohl für was Besonderes,” erwiderte Bette. „Ich sagte ihr, sie solle nicht impertinent sein und bestand darauf, dass sie die Schuhe wegräumt und das war's.”
„Das war genau richtig,” meinte Gisela. „Und deine Konfrontation, Gertrud?”
„Reden, nachdem die Nachtglocke geläutet hat,” erzählte Gertrud. „Ich sagte ihr, sie solle den Mund halten und sie guckte zu Juliet und lachte.”
„Wie reagierte Juliet? Lachte sie ebenfalls?”
„Ja und zuckte mit den Achseln. Es ist einfach nicht gut, wenn die Junioren so eine Reaktion von Mädels im Alter von Grizel oder Juliet sehen.”
„Ich glaube um die Junioren brauchst du dir keine Gedanken machen,” meinte Bette. „Amy und Margia würden sich niemals so benehmen und Maria hat dich viel zu gern, Gisela, als dass sie dich so brüskieren würde. Ebenso Suzanne und Yvette. Giovanna wird sich benehmen, weil sie keinen Ärger mit mir riskieren will und ich kann mir nicht vorstellen, dass Frieda oder Simone gegen die Regeln verstoßen würden. Joey tut natürlich auch was man ihr sagt. Es ist wirklich nur Grizel und sie würde sich auch nicht so verhalten, wenn sie nicht von Juliet angestachelt würde.”
„Nun, sie müssen bestraft werden” sagte Gisela. „Es tut mir leid, aber Grizel darf nicht so unverschämt zu den Prefects sein.”
Sie überlegt noch einen Moment. „Ich werde sie herkommen lassen und sie wird sich bei euch entschuldigen, Bette und Gertrud. Dann werde ich sie ein Gedicht auf Deutsch lernen lassen. Ja, so machen wir es. Kannst du sie bitte holen, Bette?”
Bette stand auf und verließ das Zimmer und kam zehn Minuten später allein zurück.
„Sie weigert sich zu kommen,” sagte sie nur.
„Weigert sich?” man hörte die Bestürzung ging Giselas Stimme. „Hast du ihr gesagt, dass die Prefects sie sehen möchten?”
„Ja,” sagte Bette. „Sie hat nur gelacht und meinte, wenn wir etwas von ihr wollen, sollen wir zu ihr kommen, sie komme jedenfalls nicht.”
Es herrschte Totenstille. Niemand hatte auch nur im Entferntesten daran gedacht, dass Grizel so weit gehen würde und sie waren unsicher, wie sie damit umgehen sollte. Ohne es zu wissen, würde jetzt das Prefects-System für die Chalet Schule auf die Probe gestellt.
Wenn sie jetzt nachgegeben hätten oder den Widerstand der Engländerin ignoriert hätten, wäre es das Ende jeglicher Selbstverwaltung gewesen. Es war ein Glück für die Schule, dass Gisela Marani zu ehrenhaften war, um die Angelegenheit schleifen zu lassen. Für ihr Gefühl gab es nur einen Weg und den schlug sie ein.
„Ich muss Miss Bettany Bericht erstatten,” erklärte sie ruhig. „Bette, kommst du bitte mit? Sie wird deinen Bericht ebenfalls hören wollen.”
„Sollen wir warten bis ihr zurückkommt? “ wollte Gertrud wissen.
„Ja, wenn es euch nichts ausmacht. Wir beeilen uns.”
Die beiden Mädels verließen das Zimmer und gingen die Treppe runter zum Wohnzimmer.
Madge Bettany genoss ihre wohlverdiente Pause und schaute überrascht auf, als die beiden Mädchen auf ihr „Herein!” ins Zimmer kamen und die Tür hinter sich schon.
„Was gibt es?” fragte sie mit einem Lächeln. „Stimmt etwas nicht, Gisela?”
„Wir müssen eine Meldung machen.” antwortete Gisela fest.
Madge’s Gesicht wurde ernst. „Eine Meldung eines Regelverstoßes? Ist das wirklich notwendig, Gisela?”
Alle Unsicherheit war nun aus Gisela gewichen.
„Ja. Es muss sein,” antwortete sie bestimmt.
„Nun, meine Liebe, worum geht es? Setzt euch ihr beiden und erzählt. “
Sie nahmen Platz und Gisela berichtete, zwischendurch bei Bette nach Bestätigung suchend. Miss Bettany wurde immer ernster und als sie geendet hatten, saß sie ein oder zwei Minuten schweigend da. Tatsächlich hatte sie auch eine Veränderung in Grizels Verhalten bemerkt. Ihr war klar, dass nach den vier Jahren harten Drills, die das Mädchen hinter sich hatte, eine Reaktion auf die gewonnene Freiheit erfolgen musste, sie hatte jedoch nicht mit so etwas Gravierenden gerechnet. Sie hatte kein Verlangen, Grizel zu bestrafen, aber dieses Verhalten konnte nicht geduldet werden. Was Juliet betraf, hoffte sie wirklich, dass sie im September weit weg vom Tiern See sein würde.
„Ich werde sie rufen lassen,” sagte sie endlich
„Wo seid ihr? Im Prefects-Zimmer? Gut, dann werde ich mit euch kommen und sie wird sich für ihr Unverschämtheit bei euch entschuldigen. Es tut mir leid, dass so etwas passiert ist, Gisela.”
„Mir tut es auch leid,” sagte Gisela. „Ich wünschte, es wäre nicht nötig gewesen, Sie damit zu belästigen, Madame.”
„Es war absolut richtig, mir Bericht zu erstatten.” antwortete die Schulleiterin. „So ein Benehmen können wir nicht dulden. Bette, schau, dass du einen Junior findest und schicke sie, Grizel zu holen. Ich werde zu euch nach oben kommen.”
Als sie das Zimmer verließen, trafen sie Amy Stevens.
„Sag bitte Grizel Cochrane, dass Miss Bettany sie sofort im Prefects-Zimmer sehen möchten.” sagte Bette, während Gisela schweigend weiter ging.
„Ja, Bette, “ sagte die kleine Amy. „Ins Prefects-Zimmer? In Ordnung! “
Sie rannte los und Bette folgte Gisela nach oben. Als sie das Zimmer betraten, wurden sie mit einem Duett begrüßt: „Und?”
„Miss Bettany hat nach Grizel geschickt und sie kommt ebenfalls.“ antwortete Gisela.
Eine Minute später erschien die Schulleiterin, so ernst, wie sie sie noch nie gesehen hatten. Sie hatte gerade Platz genommen, als es an der Tür klopfte und Grizel kam herein mit trotziger Miene. Auf sich allein gestellt, hätte sie sich niemals so verhalten. Aber durch eine gewisse Charakterschwäche, ließ Grizel sich leicht verleiten und Juliet Carrick war genau der Typ von Mädchen, der Einfluss auf Grizel hatte. Erstmal wurde Grizels Mitleid erregt, als sie Juliets Familie erlebt hatte. Es gab keinen Zweifel, dass Captain und Mrs. Carrick sich von ihrer Tochter belästigt fühlten und dass das Mädchen sehr unglücklich war. Dann wiederum war Juliet in einer Anglo-Indischen Gesellschaftsschicht aufgewachsen, die die Englische Nation als einzig erwähnenswerte erachtete und ihre Erziehung in einer Hill School, wo 90 % der Mädchen Eurasierinnen waren, die auf ihre einheimische Verwandtschaft mit Verachtung herabsahen, hatte dazu beigetragen, dass dieses Gefühl von Überlegenheit geschürt wurde. Sie hatte die ‘ausländischen Prefects’ verhöhnt, aus der Überzeugung, dass sie sich einfach nicht angemessen zu Verhalten wissen. Grizel war verletzt, dass Joey, wie sie meinte, Simone Lecoutier bevorzugte – während die arme Joey gut auf diese Freundschaft hätte verzichten können – und so folgte sie Juliet mit katastrophalen Folgen für sich und später auch für andere.
Madge verlor nicht viele Worte, als sie erschien.
„Du warst unverschämt den Prefects gegenüber, Grizel?” fragte sie.
Als Antwort kam nur ein Genuschel. Madge wertete es als ‘ja'.
„Du wirst dich sofort entschuldigen,“ sagte sie kalt. „Ich dulde keine Unverschämtheit der jüngeren Kinder gegenüber meinen Prefects. Es wäre besser, wenn du das begreifst. Bitte um Entschuldigung und tue, was immer sie dir als Strafe auftragen.” Es herrschte Stille. „Nun, Grizel!”
Es war der Unterton in der Stimme der Schulleiterin, der Grizel zu Gehorsam veranlasste.
Ohne den Kopf zu heben murmelte sie, „Es tut mir leid!”
Miss Bettany war sich im Klaren, dass nicht mehr zu erwarten war. Sie wartete bis Gisela die Entschuldigung akzeptiert hatte und der Übeltäterin ein kurzes deutsches Gedicht zum Lernen gegeben hatte. „Du kannst gehen, Grizel!” sagte sie und als das Kind davonstob, verließ auch sie das Zimmer.
Grizel jedoch rannte zum Pinienwald, wo sie unter Tränen der Wut und der Scham schwor, dass sie es ihnen heimzahlen würde, sie so behandelt zu haben.
_______________________
Die kursiv gedruckten Wörter habe ich in der Originalsprache aus dem Buch übernommen.

(1) hier habe ich leider noch nicht herausgefunden, um welches Spiel es sich handelt!

_________________
Lieben Gruß
Lisa


Der Mensch sollte lesen, wozu es ihn gerade treibt; was er nur aus Pflichtgefühl liest, wird ihm wenig nützen.
(Francois de la Rochefoucauld)


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 Betreff des Beitrags: Re: 12. Dezember
BeitragVerfasst: 12.12.2018, 19:03 
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Kapitel 9

Simones ‘Heldentat’

Falls irgendeins der Mädchen den Gedanken gehabt hatte, sich den Prefects zu widersetzen, so hatte Miss Bettanys prompte Reaktion bezüglich Grizel Cochranes Verhalten, dem ein Ende gesetzt. Der Schulalltag stellte sich ein und die 20 Mädchen, die diesen Alltag bestritten waren stolz darauf. Die Tagesschülerinnen blieben nun auch zum Abendessen, morgens kamen sie um halb neun und sie blieben bis sechs Uhr abends. Der Unterricht dauerte von neun bis zwölf, dann war Mittagspause. Um zwei Uhr fingen sie wieder mit dem Unterricht an und arbeiteten bis vier Uhr, die Senioren hatten Vorbereitungen und die Junioren machten ihre Hausaufgaben. Zweimal wöchentlich kam Herr Anserl hoch von Spärtz und gab Musikunterricht für die fortgeschrittenen Schülerinnen, während die anderen mit Mademoiselle lernten. Miss Maynard unterrichtete Mathematik und Geografie und Miss Bettany übernahm den Englischunterricht. Französisch, Deutsch und Nähen waren Mademoiselles Fächer und sie war die Vertrauenslehrerin der Unterstufe.
Momentan gab es nur drei Stufen; Senioren, Mittelstufe und Junioren; aber Madge freute sich bereits darauf, wenn sie in der Lage waren, fünf Stufen einzurichten.
Zwei Tage nach den Prefects-Treffen, kam ein langer Brief aus England von Frau Dene. Herr Dene war der Senior Kurat der heimatlichen Gemeindekirche, aber er hatte ein Kaplansamt in Westindien angenommen und sie waren nicht darauf erpicht, Rosalie dorthin mitzunehmen. Da hatte Frau Dene an die Chalet Schule am Tiern See gedacht und so schrieb sie, um zu fragen, ob Rosalie im September kommen könnte und hätten sie wohl auch noch einen Platz für Rosalies Kusine, Mary Burnett?
Miss Bettany schrieb zurück, dass es ihr ein Vergnügen wäre, die beiden aufzunehmen.

Am gleichen Tag kam eine italienische Dame, deren Bekanntschaft sie gemacht hatte, um ihre kleine Tochter anzumelden. Signora di Ricci war eine charmante Person und sie war offensichtlich sehr bestrebt, Vanna in der Chalet Schule unterzubringen. Mage kannte Vanna und mochte sie; das hieß, mit Evadne Lannis würden sie zusätzliche vier Schülerinnen bekommen.
Joey Bettany saß an ihrem Pult in der Mittelstufe und verkündete die Neuigkeit, dass im Herbst zwei weitere englische Mädchen kommen würden.
“Es ist so prima, dass Rosalie und Mary kommen werden!” sagte sie voller Begeisterung.
“Wie alt sind sie?” fragte Margia Stevens.
“Rosalie ist ungefähr vierzehn und Mary ist zwölf,” antwortete Joe.
“Oh! Eine für die Senioren und eine für uns,” bemerkte Frieda Mensch, die ihre Schüchternheit langsam überwand. “Das ist toll!”
“Eins A!” stimmte Joey zu. “Wir wachsen, nicht wahr? Du wirst Mary mögen, Frieda. Sie ist so eine Liebe. Ich freue mich, dass sie kommt!”
Simone, die wie üblich an ihrer Seite klebte, wurde ganz blass, aber Joey ignorierte sie.
Um die Wahrheit zu sagen, sie hatte genug von Simones Eifersucht und ihrer alles-umfassenden-Freundschaft und es hatte bereits etliche Szenen gegeben, in denen Simone Jo beschuldigt hatte, sie mit Absicht zu verletzen und sie nicht mehr zu mögen. Das letzte Mal war die nüchterne Jo kurz davor gewesen dem zuzustimmen; sie hatte die Nase voll von diesem Theater! Aber Simone war ob dieser Schroffheit in Tränen ausgebrochen und hatte so jämmerlich geschluchzt, dass Jo es doch nicht übers Herz gebracht hatte. Jetzt fuhr sie enthusiastisch fort, das kleine französische Mädchen ignorierend: “Mary war eine Form unter mir, aber sie wohnte in unserer Nachbarschaft und wir spielten zusammen. Wir waren auch im gleichen Netzball-Team.”
“Und das andere Mädchen, Rosalie, ist auch nett?” fragte Frieda.
“Oh, ja, sehr vergnügt!” antwortete Joey. “ Sie ist außerdem sehr hübsch und zudem ziemlich klug! Oh, Mist! Die fünf-vor-neun-Glocke und ich habe meine Bücher noch nicht rausgeholt! Pass auf, Simone!”
Sie hastete an Simone vorbei als sie lossprang und zu ihrem Schließfach flitzte, um ihre Sachen zu holen. Die Französin schaute sie mit großen, traurigen Augen an, aber Joey beachtete sie nicht. Sie war beschäftigt ihre Geschichtssachen zu suchen, die anscheinend verschwunden waren. Gerade rechtzeitig fand sie sie und dann mussten sie auch schon zur Morgenandacht laufen.
Im Unterricht stellte sich Simone an diesem Morgen ungewöhnlich dumm an. Alle ihre Arithmetik Aufgaben waren falsch, ihr Diktat war voller Fehler und in Geschichte fiel ihr nichts ein, obwohl sie sich am Abend vorher sorgfältig vorbereitet hatte, wie Joey genau wusste. Und es war zudem eine einfache Stunde – die Bartholomäusnacht. Während Simone Frage um Frage entweder gar nicht oder komplett falsch beantwortete, verdüsterte sich Miss Bettanys Miene mehr und mehr. Sie kam gerade von den Senioren, wo sie eine Auseinandersetzung mit Grizel hatte, die anscheinend von allen guten Geistern verlassen worden war und jetzt fragte sie sich, ob die Zügellosigkeit dieser jungen Dame, auf Simone übergegangen war. Letztendlich knallte sie das Buch ärgerlich zu.
„Simone! Warum hast du dich nicht vorbereitet? Es ist einfach eine Schande, wie wenig du über die Geschichte deines eigenen Landes weißt! Du überraschst mich! Du wirst diese Stunde um halb fünf wiederholen und bitte, komme mir nicht noch einmal mit so einer beschämenden Arbeit an!“
Simone sagte nichts. Sie fühlte sich total mies und unglücklich und wollte nur noch irgendwohin, wo sie herzzerbrechend weinen konnte. Die anderen schauten sie überrascht an. Simone war eigentlich viel zu brav, als dass man so mit ihr sprechen musste. Jetzt erklang die Glocke und unter den aufmerksamen Augen der Schulleiterin, mussten sie in geordneten Reihen die Klasse verlassen. Bis sie endlich mit ihren Limonadengläsern ins Freie kamen, konnten sie auch nicht sprechen.
Hier stellten sie fest, dass Simone verschwunden war.
„Was um alles in der Welt ist los mit ihr?“ richtete Joe ihre Frage an die Gruppe, bestehend aus ihr selbst, Margia Stevens, Frieda Mensch und Susanne Mercier.
„Meint ihr, sie ist krank?“
„Sie war morgens in Ordnung.“ antwortete Margia. „Beim Frühstück unterhielt sie sich normal und aß mit großem Appetit!“
„Aber ich weiß, dass sie ihre Geschichtslektion am Abend beherrschte, ganz sicher! Und sie hat ihre Arbeit noch nie zur Wiederholung zurückbekommen! Sie ist in allen Fächern Klassenbeste!“ protestierte Joey, deren eigene Arbeit wohlwollend als nicht langweilig bezeichnet werden konnte, da sie entweder sehr gut oder nicht der Rede wert war.
„Vielleicht hatte sie Kopfschmerzen,“ vermutete Susanne, während sie anmutig an ihrem Keks knabberte.
„Ich habe noch nie gehört, dass Simone Kopfschmerzen hat,“ zweifelte Joey.
„Schauen wir, ob wir sie finden,“ schlug Margia vor. „Wenn sie sich nicht wohl fühlt, sollte Miss Bettany informiert werden. Vielleicht bekommt sie die Masern oder ähnliches.“
In diesem Moment läutete die Glocke fürs Pausen Ende und sie mussten ins Klassenzimmer zurückkehren zur Französischstunde. Simone tauchte jedoch nicht auf; aber das verstärkte ihre Annahme, dass sie sich nicht wohl gefühlt hatte, zur Schulleiterin gegangen war und diese sie ins Bett geschickt hatte, wie Joey später erklärte.
Mademoiselle vermisste das Kind nicht. Simone war immer so ruhig und unscheinbar und verlangte nicht annähernd die Aufmerksamkeit, die andere einforderten.
Die letzte Stunde war Geometrie mit Miss Maynard und da die Arithmetik der kleinen Französin so extrem schlecht war, hatte man beschlossen, dass sie sich erstmal darauf konzentrieren solle. Als sie jedoch auch nicht beim Mittagessen erschien, erkundigte Miss Bettany sich, wo sie bliebe.
„Ich dachte im Bett,“ erklärte Joey sofort.
Die Schulleiterin zog ihre schwarzen Augenbrauen vor Überraschung hoch.
„Im Bett? Warum? Geht es ihr nicht gut? Mademoiselle…?“
„Ich weiß von nichts,“ antwortete Mademoiselle. „Ich habe sie seit heute Morgen nicht gesehen.“
„Ich auch nicht,“ erklärte Miss Maynard. „Sie war in meiner Artihmetikstunde, aber sie hat keinen Geometrieunterricht und vor der Pause habe ich sie auch nicht gesehen.“
Miss Bettany stand beunruhigt auf. „Joey, warum denkst du, dass sie ins Bett gegangen ist? Sagte sie, dass sie sich nicht wohlfühle?“
„Oh nein,“ antwortete Joey. “Es war nur… sie machte in ihrer Arbeit nur Fehler und das ist so untypisch für sie, dass wir annahmen, sie sei krank.“
„Lauf nach oben und schau, ob sie da ist.“ Joey verschwand und kam nach einigen Minuten erschrocken wieder.
„Da ist sie nicht, Madge,“ sagte sie und in ihrer Besorgnis vergaß sie, dass sie die Schwester während der Schulstunden nicht duzen sollte. „Es ist keiner oben, aber schau, was ich in ihrer Kabine gefunden habe…!“
Sie hielt einen langen, dicken schwarzen Zopf hoch. Ein allgemeines Stöhnen klang durch den Raum. Madge, Mademoiselle und Miss Maynard standen wie angewachsen, als würde Joey sie mit dem Überbleibsel hypnotisieren.
Amy Stevens durchbrach die Stille mit einem Wimmern. „Oh, ist Simone tot? Hat ihr jemand den Kopf abgeschlagen?“ jammerte sie. Das löste die Starre und Mademoiselle sprang vor und nahm den Zopf aus Joeys zitternden Händen.
„Aber wo ist Simone?“ rief sie in ihrer eigenen Sprache. „Was ist mit ihr passiert?“
„Es kann nichts Schlimmes sein, Mademoiselle,“ sagte Madge und kam schnell vor. „Sie muss es als Spaß oder als Streich getan haben und jetzt schämt sie sich!“ Sie wandte sich ärgerlich an die Mädchen. „Mädels, wisst ihr etwas darüber?“ Während sie sprach, schaute sie ernst zu Grizel und Juliet, aber es war offensichtlich, dass die beiden auch nicht mehr als alle anderen wussten. Sie alle sahen entgeistert aus. Mademoiselle wand sich an Joey. „Josephine, du bist mit Simone befreundet! Warum hat sie das getan?“
Joey schüttelte hilflos den Kopf. „Ich weiße es nicht, Mademoiselle, ich schwöre es! Ich hätte sie aufgehalten, wenn ich es gewusst hätte.“
Man war wohl in einer Sackgasse. Amy hatte aufgehört zu weinen. Hauptsächlich, weil sich keiner um sie kümmerte und der Rest saß in entsetztem Schweigen.
„Nun,“ sagte Miss Bettany nach einer Weile, „wir sollten uns auf die Suche machen. Miss Maynard, übernehmen Sie die Tischaufsicht, während Mademoiselle und ich uns auf sie Suche machen? Ja, Joey, was möchtest du?“
„Oh, bitte, kann ich auch mitkommen?“ fragte Joey atemlos. „Mir ist gerade eingefallen, wo sie sein könnte – im Pinienwäldchen. Ich kann sie dort im Nu finden.“
„Sehr gut,“ sagte ihre Schwester. „Mademoiselle und ich werden uns im Haus umschauen und du kannst dieses Versteck im Pinienwald aufsuchen. Setze aber deinen Hut auf, die Sonne ist heute sehr heiß.“
Joey schnappte sich nur schnell den Hut vom Haken im Stiefelraum, bevor sie so schnell wie möglich in Richtung Pinienwald losrannte. Während sie lief, überlegte sie, was Simone veranlasst haben könnte, sich die Haare abzuschneiden, auf das sie doch eigentlich ziemlich stolz gewesen war. Während sie über die Wurzeln der Pinienbäume kletterte, manchmal etwas rutschte auf dem glitschigen Boden, kam sie zu keinem vernünftigen Schluss. Es war sehr still im Wald, keine Brise bewegte die Piniennadeln und selbst die Vögel schienen ihren Gesang eingestellt zu haben.
Weit oben, über den dunklen Ästen, sah sie ein Stückchen blauen Himmel, blau wie Lapislazuli, ohne eine einzige Wolke. Aber auch wenn sie die Schönheit der Natur zu schätzen wusste, hatte Joey keine Zeit, einen Gedanken an die wunderbare Stille dieses Sommernachmittags zu verschwenden. Sie war entschlossen ihre Freundin zu finden. Sie erreichte die Höhle zwischen den großen Wurzeln, wo sie Simone beim letzten Mal gefunden hatte, aber sie war leer. Keine Spur der kleinen Französin und Joeys Herz setzte für einen Moment aus. Sie war sich so sicher gewesen, Simone hier zu finden. Als sie dort stand und überlegte, was sie nun tun sollte, hörte sie ein leises Schluchzen. Sofort drehte sie sich um und kletterte über Stöcke und Pinien in die Richtung des Schluchzers. Da, ein kleines Häufchen Elend, lag Simone, weinend, wie Joey sie noch nie hatte weinen sehen. Die Enden der abgeschnittenen Zöpfe standen ab wie kleine Entenschwänze, ein Anblick bei dem Joey normalerweise einen Lachanfall bekommen hätte. Wie auch immer, jetzt ließ sie sich neben sie fallen, legte den Arm um sie und zog sie auf ihren Schoß. „Simone, oh, Simone, was ist los mit dir?“
„Geh weg!“ schluchzte Simone in ihrer Sprache. „Geh weg, Joey!“
„Keine Angst!“ antwortete Joey. “Ich gehe nicht, bis du nicht soweit bist mit mir zu kommen. Und davon abgesehen möchte ich wissen, wieso du dir die Haare abgeschnitten hast. Du hast mal gesagt, du würdest dein Haar niemals abschneiden lassen. Warum um alles in der Welt hast du das getan?“
„Ich – ich dachte du würdest es mögen!“ schluchzte Simone. „Du hast so oft über meine langen Haare gelacht und ich dachte, wenn ich sie kurz schneide würdest du mich lieben und nicht verlassen, wenn im nächsten Schuljahr die neuen englischen Mädchen kommen!“
„Oh nein!“ Joey lehnte sich zurück und holte tief Luft. „Von allen verrückten Ideen…!“ sagte sie, als sie wieder Luft bekam. „Es ist mir völlig egal, ob du deine Haare kurz geschoren hast wie ein Sträfling oder bis zu den Füßen wie Lady Godiva! Also wirklich Simone, du bist eine Idiotin! Und warum bist du einfach weggelaufen? Ich habe fast einen Anfall bekommen, als ich deinen Zopf gefunden habe!“
„Ich sehe so schrecklich aus!“ schluchzte Simone. „Und dann überlegte ich, was Kusine Elise sagen würde und wie ärgerlich Miss Bettany und du und alle anderen Mädchen würden lachen und da bin ich weggerannt.“
„Nun, jetzt kommst du mit zurück,“ sagte Joey bestimmt. „Ich weiß nicht was Madge oder Mademoiselle sagen werden! Aber du kannst hier nicht für immer bleiben und ich will mein Abendessen – ich bin mittendrin hierhin gekommen! Und was das auslachen betrifft, ich lache nicht und ich glaube auch die anderen nicht. Jetzt hör mit der Heulerei auf und komm mit!“
Erst wollte Simone sich nicht bewegen, aber letztendlich konnte Joey sie überreden mitzukommen und sie erreichten das Chalet, beide erhitzt und müde.
Nach einem Blick auf Simone, packte Miss Bettany sie, ohne zu schimpfen ins Bett. Als sie endlich die ganze Geschichte von ihrer Schwester gehört hatte, schickte sie auch diese in ihre Kabine mit der strikten Anweisung sofort zu schlafen. Dann begab sie sich zu Mademoiselle, um ihr die ganze Geschichte zu erzählen.
„Auf eine Art und Weise ist es gut so,“ sagte sie, „die langen Haare waren viel zu warm jetzt bei dem heißen Wetter, aber natürlich hätte sie es niemals selbst schneiden dürfen. Am besten gehst du morgen mit ihr zum ‚Kronprinz‘ und der Friseur soll retten, was zu retten ist. Ich muss jetzt zu meiner Klasse gehen.“
Am nächsten Tag bekam Simone die Haare vernünftig geschnitten und zu ihrer Erleichterung äußerten die anderen sich nicht weiter zu der Angelegenheit, jedoch bekam sie von ihrer Kusine eine geharnischte Strafpredigt.
Zudem musste sie einen Brief nach Hause schreiben und berichten und Mamans traurige Antwort war schwer zu ertragen. Insgesamt bereute Simone sehr ihre Haare jemals angefasst zu haben, umso mehr, als Joey Bettany keineswegs beeindruckt war und die ganze Geschichte als ’idiotischen Unsinn‘ bezeichnete!
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Die kursiv gedruckten Wörter habe ich in der Originalsprache aus dem Buch übernommen.

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Lieben Gruß
Lisa


Der Mensch sollte lesen, wozu es ihn gerade treibt; was er nur aus Pflichtgefühl liest, wird ihm wenig nützen.
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 Betreff des Beitrags: 12. Dezember
BeitragVerfasst: 12.12.2019, 07:08 
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Auch in diesem Jahr ein weiteres Kapitel aus 'The School at the Chalet'


Die Schule im Chalet


Kapitel 10

Die Filmschauspielerin

Es war eine Gnade, wie Madge Bettany sagte, dass die nächsten ein, zwei Wochen nichts Außergewöhnliches passierte.

Grizel und Juliet bereitetet den Prefects keinen weiteren Ärger; Simone sah davon ab, sich ihren sentimentalen Augenblicken hinzugeben; Amy Stevens heulte nicht bei der geringsten Gelegenheit; es war friedlich in der Schule im Chalet. Das einzig erwähnenswerte Vorkommnis war ein Bernhildas Unfall mit roter Tinte.

Die Schreibwaren befanden sich alle in einem Schrank, dessen Schlüssel Miss Maynard verwahrte. Bernhilda war zum Schreibwaren-Prefect ernannt und jeden Freitag gab sie sie gewünschten Sachen aus. Es war momentan noch keine schwierige Aufgabe, da alle das Halbjahr mit neuen Büchern begonnen hatten. Hauptsächlich waren Schmierblätter, kleine Notizhefte und Schreibfedern gewünscht, ab und an mal ein Übungsheft und Grizel Cochrane holte in ihrer Eigenschaft als Tintenmonitorin montags den wöchentlichen Bedarf.

Am Montag nach Simones Heldentat kam Grizel wie üblich mit ihrer Tintenkanne. Bernhilda, die ihre Aufgabe sehr ernst nahm, räumte gerade die oberen Regalbretter auf. Die Prefectin, auf der obersten Stufe der Leiter sitzend, schaute auf die Jüngere hinunter.
„Oh, Grizel, kannst du dir bitte die Tinte nehmen?“ sagte sie. „Ich möchte diese Arbeit beenden bevor es läutet! Sie ist in dem großen Krug ganz unten.“
„In Ordnung, Bernhilda! Kein Problem; ich hole sie mir schon.“ erwiderte Grizel aufgeräumt. Juliet war zwei Tage nicht da und Grizel war in ihrer Abwesenheit ein wesentlich netteres Kind.
Nachdem sie die Aufmerksamkeit der Juniorin auf den großen Tintenkrug gerichtet hatte, fuhr Bernhilda mit ihrer Arbeit fort, während Grizel ihre langen, dicken Locken zurückwarf, die sich trotz des Bandes, das sie zurückband, immer im Weg waren; schraubte den Deckel auf, kippte den Krug vorsichtig zu einer Seite und begann ihre Kanne zu füllen. Beide Mädchen waren in ihre Arbeit vertieft.
Grizel war fast fertig, als Bernhilda einen Schrei ausstieß und nach vorne, fast auf Grizel fiel, die ebenfalls aufschrie.
Gleichzeitig gab es einen lauten Krach, als eine Flasche mit roter Tinte gegen die Leiter fiel, zerplatzte und die Tinte in alle Richtungen spritzte. Bernhildas Tunika bekam etwas ab, aber die am schlimmsten Betroffene war Grizel, die sich direkt unter dem Tintenstrahl befand. In ihrem Vorwärtsfall hatte die Prefectin zwar die Flasche am unteren Ende zu fassen bekommen, aber die Tinte bespritzte die Juniorin komplett- die Haare, das Kleid, die Hände, auch die Beine waren mit Tinte bedeckt. Wie Madge später sagte, es wäre schwer, sich ein noch farbenfroheres Spektakel vorzustellen.

Die Schreie der beiden Mädchen lockten die Lehrerinnen schnell an den Ort des Geschehens. Mademoiselle war im Glauben, dass es einen bösen Unfall gegeben hatte und rief: „Wo sind die Verletzten?“
Miss Maynard und die Headmistress, die beide schnell begriffen hatten, was passiert war, mussten sich sehr zusammenreißen, um nicht in lautes Gelächter auszubrechen, wobei die Letztere jedoch schnell ein Taschentuch zu Hand hatte und den Versuch unternahm, ein wenig Tinte abzuwischen. Mittlerweile saß Bernhilda am Boden und gab einen etwas unzusammenhängende Bericht der Ereignisse.

Laut ihrer Erzählung hatte sie einige Bücher umgestellt und war dabei mit einer Buchecke gegen die Tintenflasche gestoßen. Sie hatte versucht sie zu fangen, es aber nicht geschafft sie vor dem Zerbrechen zu bewahren. Alles weitere war offensichtlich. Grizel, die sich zwar nicht verletzt hatte, war wütend.
„Überall ist Tinte, meine Turnsachen sind ruiniert!“ schluchzte sie mit erstickter Stimme.
„Nein, das glaube ich nicht,“ antwortete Miss Bettany todernst. „Du musst die Sachen natürlich schnell ausziehen und Marie muss sie sofort waschen. Ich denke, dann bekommen wir sie sauber. Es ist glücklicherweise die Baumwolltunika. Du musst auch sofort ein Bad nehmen und ich werde dir die Haare waschen. Bis zur Freistunde wird alles gut sein. Schau nicht so verzweifelt, Bernhilda. Es war ein Unfall und du konntest nichts dafür. Aber ich rate dir, in Zukunft alles Flüssige im unteren Schrank aufzubewahren.“

Entsprechend wurde Grizel zum Baden geführt und Bernhilda wurde aufgefordert, ihre Tunika abzugeben, so dass diese mitgewaschen werden konnte. Während die Tunika trocknete, zog sie einen Rock von Miss Maynard an.

Zur Freistunde erschien eine sehr saubere, sehr aufgebrachte Grizel, die insgeheim erwartete, von den anderen geneckt zu werden. Zu ihrem Glück waren alles jedoch viel zu beschäftigt, die Neuigkeiten zu diskutieren, die Juliet Carrick an diesem Morgen verkündet hatte.

Wie es schien, wollte eine bekannte Filmproduktionsfirma den Tiern See als Filmset nutzen und das würde eine Menge Leben nach Tirol bringen. Es sollte Teil einer lehrreichen Serie werden und da es natürlich nicht immer möglich war, Einheimische für den Film zu gewinnen, hatten sie die Hauptdarsteller aus Amerika geholt. Diese sechs wichtigen Leute, zusammen mit dem Direktor, dem Kameramann und dem Produzenten hatten den Tyroler Hof zu ihrer Zentrale gewählt. Sie wollten das ganze Dorf und alle Ortschaften rund um den See als Kulisse nutzen, ebenso wie einige Almen, wo die Kuhhirten während des Sommers in Holzhütten lebten, während die Kühe zufrieden auf den Wiesen grasten. Sie beabsichtigten auch entlang des kleinen Tiern einige Ortschaften zu filmen. Was sie auf den Tiern See gebracht hatte wusste keiner genau. Juliet beschäftigte sich auch nicht mit der Frage. Sie war fasziniert von der Idee und konnte nicht aufhören, darüber zu reden.

„Nachdem sie hier fertig sind, werden sie ins Zillertal fahren“ plapperte sie eifrig, „und nach Kufstein, bevor sie dann in die Dolomiten fahren. Sie waren schon in Innsbruck und im Stubai Tal und Umgebung. Und Mr. Eades - das ist der Kameramann- sagt, sie habe einige wundervolle Nahaufnahmen von Hall und Spärtz gemacht. Er war sehr an uns interessiert und ich glaube, sie überlegen Miss Bettany um die Erlaubnis zu bitten, uns zu filmen. Ist das nicht aufregend?“

Miss Bettany wurde von Mr. Eades und einem Mr. Sindon, dem Produzenten, darauf angesprochen und wollte nichts davon hören und verweigerte die Erlaubnis. Sie war eiskalt höflich und absolut bestimmt. Nichts konnte sie überzeugen, ihre Verweigerung zu überdenken und als die beiden Herren das Chalet verließen, war ihnen klar, wie einer von ihnen später zu Juliet sagte, „Es war eine Niederlage auf ganzer Linie. Kein Film-Bonus!“

Die meisten Mädchen interessierte nicht, ob gefilmt wurde oder nicht, aber Juliet, Grizel und ein oder zwei der mehr oberflächlichen Mädchen waren bitter enttäuscht. Sie hatten sich schon auf der Filmleinwand gesehen. Sie wären in ganz Europa und den auf den britischen Inseln berühmt und jetzt war alles ruiniert, nur weil Miss Bettany die Zusage verweigerte.

„Es ist eine Schande!“ rief Juliet zu der ausgewählten Versammlung als sie von der Entscheidung der Headmistress erfuhren.
„Warum sollen wir nicht gefilmt werden? Große Schulen wie Eton und Winchester werden gefilmt! Aber Miss Bettany ist immer so! Sie ist durch und durch engstirnig!“
„Nein, das ist sie nicht!“ antwortete Grizel, die ihre klaren Momente hatte, in denen sie realisierte, dass ihr Benehmen nicht dem entsprach, was Madge zu Recht von ihr erwarten konnte.
„Es ist schon ein Unterschied, ob Jungens beim Sport fotografiert werden oder wir hier am See. Oh, ich kann nicht erklären wieso, aber es ist ein Unterschied!“ Und auf diesem Standpunkt beharrte sie!

Juliet gab auf, sie war klug genug zu erkennen, dass Grizel, wenn sie sich einmal entschieden hatte, um nichts in der Welt ihre Meinung ändern würde. Jedoch waren Anita Rincini, Sophie Hamel und Susanne Mercier leichter zu beeinflussen und schnell waren sie überzeugt, dass sie gegen Miss Bettany einen Groll hegen.
Der Filmproduzent meinte auch einen Groll hegen zu müssen. Er hatte sich bereits die Schule als hervorragenden Werbeträger ausgemalt.
Soweit er wusste, war es eine komplett neue Idee und die Schulmädchen sahen so frisch und anmutig in ihren Schuluniformen aus und es wäre eine vortreffliche Ergänzung für seine kontinentalen Szenen.

„Wenn ich wenigstens ein oder zwei von euren Mädchen bekommen könnte.“ sagte er zu Juliet.
„Es wäre ein Einfaches, ein Schulraum Szenario aufzubauen und wir würden mit euch rudern und schwimmen und ähnliches.“
Seine Worte brachten Juliet auf eine Idee.
„Könnten Sie das wirklich arrangieren?“ fragte sie. „Wenn ich ein paar Mädchen in unseren Uniformen zusammen bekomme, könnten Sie das wirklich einrichten?“
„Selbstverständlich.“ sagte er ungeduldig. „Wenn es darauf ankommt, könnte ich so ein Szenario in den Staaten aufbauen, wenn wir wieder zurück sind.“
„Aber es wäre doch nicht die gleiche Landschaft,“ sagte Juliet nachdenklich.
„Wir könnten es soweit nachstellen, dass es das Publikum nicht merken würde.“ meinte er.
„Aber es wäre doch besser mit dem Originalhintergrund, oder nicht?“ fragte sie.
„Natürlich, aber die Schul-Madam will sich ja nicht mal die Idee anhören, warum also weiter darüber reden…“ meinte er gereizt.
„Angenommen ich kann zwei oder drei von uns überreden mitzukommen, könnten sie uns dann nehmen?“ wollte Juliet wissen.

Mr. Sindons Miene erhellte sich. Er war nicht so dickhäutig, dass er die Geringschätzung in Miss Bettanys eisiger Stimme nicht wahrgenommen hätte und nun sah er eine Chance sich zu rächen.
„Das könnte ich natürlich einrichten,“ sagte er langsam.
„Für wann können wir es arrangieren? Wir sind ab nächsten Freitag weg, es müsste also vorher sein.“
„Wäre Samstag ok?“
„Ja, das würde gut passen. Also Samstag um 10 Uhr morgens. Bringt eure Schwimmsachen mit und wir filmen euch auch im Wasser.“

Juliet packte sich ihre vier Mitverschwörerinnen und unter Einsatz von Schmeichelei, Überredung und im Fall von Sophie Hamel, schlichtweg Einschüchterung, stimmten sie zu mitzukommen. Wie vermutet, war Grizel am schwierigsten zu überzeugen. Wenn sie nicht am Vorabend erwischt worden wäre, nach dem ‚Licht aus‘ noch gesprochen zu haben und morgens eine entsprechende Strafpredigt von der Headmistress anhören musste, hätte sie niemals zugestimmt. So jedoch gab sie nach, nachdem Juliet eine halbe Stunde abwechselnd geschimpft und gebettelt hatte und erklärte sich bereit, am Samstagmorgen die anderen in Geisalm zu treffen, einer kleinen Ortschaft, ungefähr auf halber Strecke des Sees liegend. Es würde ein leichtes Sein dorthin zu kommen, da sie samstags mehr oder weniger sich selbst überlassen waren. Madge Bettany war der Meinung es sei besser den Mädchen zu vertrauen, als sie ständig zu überwachen. Es war ihnen nicht erlaubt ohne Lehrerin zu baden oder Boot zu fahren, aber ansonsten mischte sich niemand ein und bisher hatte es auch keinen Grund gegeben, sich einzumischen. Daher kletterten die Grizel und Juliet am Samstagmorgen den steinigen Pfad entlang, der von Briesau nach Geisalm führte.

„Bist du nicht aufgeregt?“ wollte Juliet wissen, als sie eine kurze Rast am Fuß des Urgesteins machten, der auf halben Weg lag.
„Ich bin es. Ich habe noch niemals in einem Film mitgespielt.“
Grizel hatte das auch nicht angenommen und mittlerweile meldete sich ihr Gewissen, was zu ihrer schroffen Antwort beitrug.
„Oh, tatsächlich! Wie schrecklich!“
Juliet warf ihr einen kurzen Blick aus ihren dunklen Augen zu, sagte aber nichts weiter als „Nun, wir sollten besser weitergehen.“
Sie machten sich wieder auf den Weg – langsam und vorsichtig, da dieser Teil des Weges nicht sehr breit war und steil zum Wasser abfiel, dessen tiefe Bläue zeigte, wie tief der See war.
Zu jeder anderen Zeit hätte Grizel die Kletterei über die Felsen genossen, ebenso wie den Wasserfall, der vom überhängenden Felsen herunterstürzte. Sie hatte diesen Weg schon zigmal mit Freuden genommen.
Jetzt war sie jedoch halb verärgert und komplett unglücklich und wenn sie nicht Juliets scharfe Zunge gefürchtet hätte, wäre sie sofort umgekehrt. Sie war so voll Unruhe, dass sie das Ruderboot mit vier Leuten Richtung Scholastika nicht wahrnahm. Juliet, die gerade einen Strauß Wiesenmargeriten pflückte, bemerkte es auch nicht.

Die Bootsinsassen blickten hoch, den Blick auf den braunen Fleck vor der grünen Alm gerichtet. Juliet sahen sie nicht, doch Joey Bettanys Augen blieben an der anderen Schuluniform hängen und sie schnappte nach Luft.
„Herr Mensch!“ rief sie.
„Das ist Grizel. Was um alles in der Welt macht sie hier?“
Herr Mensch richtete sein ruhiges Antlitz in die Richtung, doch die beiden Mädchen waren hinter der Baumgruppe verschwunden, die hier den Fußweg zum See hin abschirmt.
„So, so,“ meinte er ruhig.
„Deshalb konnten wir sie also nicht finden, als wir euch abholten? Aber ist es ihr verboten hier zu sein?“
„Ich bin sicher meine Schwester weiß nichts davon.“ erklärte Joey. „Sie dachte Grizel wäre bei dem alten Mann in Seespitz Äpfel kaufen, denn das hatte sie gesagt.!“
Herr Mensches helles, deutsch aussehendes Gesicht wurde unruhig.
„Das ist sehr böse von dem Mädchen,“ sagte er ernst.
„Sollen wir in Geisalm halten und sie an Bord nehmen?“
Joey überlegte einen Moment. Man hatte ihnen nie gesagt, dass sie nicht allein nach Geisalm gehen sollten, aber sie wusste, dass Madge etwas nervös wegen des engen Weges war. Ihr war auch bewusst, dass Grizel wütend wegen der Einmischung sein würde – und sie war oft wütend gewesen in letzter Zeit!
Doch Joey Bettany war nicht der Typ, der sich drückte, wenn es darum ging, dass ihrer Meinung nach Richtige zu tun, nur weil andere dann böse auf sie wären, also nickte sie.

„Ja, bitte! Ich glaube, das wäre gut, wenn es Ihnen nichts ausmacht!“
Ohne ein weiteres Wort wendete der gutmütige Österreicher das Boot in Richtung des grünen Dreiecks mit dem weißen Gasthaus – Geisalm.
Eine Gruppe von Menschen stand schwatzend dort. Joey erkannte die Filmleute, ahnte aber noch nichts bis Bernhilda rief:
„Nanu, da sind Sophie und Anita. Merkwürdig, dass heute so viel Chalet-Mädchen hier sind.!“
Da dämmerte es Joey.
„Oh!“ sagte sie und ihr Gesicht, nicht mehr blass, sondern gebräunt von der Sonne, wurde rot vor Wut.
„Oh! Wie können sie es wagen, wenn Madge es verboten hat!“
„Wie können sie was wagen?“ fragte Bernhilda, die den Sachverhalt nicht so schnell begriff.
„Das ist Grizel! Es ist natürlich Juliets schuld! Sie hat sie überredet!“ antwortetet Joey zusammenhanglos.
„Oh! Herr Mensch! Sie müssen sie aufhalten! Madge wird so böse sein und es ist nicht richtig, wenn sie es nicht erlaubt!“
Herr Mensch erfasste die Situation schneller als seine Tochter. Mit einem letzten Zug brachte er das Boot an den Steg und sprang raus.
„Bleibt hier!“ wies er die drei Mädchen im Boot an und dann begab er sich zu der Gruppe vor dem Gasthaus.
Mr. Sindon war ziemlich erstaunt, als sich der wütende Riese vor ihm aufbaute und in sehr gutem Englisch fragte, ob er an dem Tag Fotos machen wolle. Etwas in der Stimme des Riesen warnte ihn, dass es besser wäre sofort zu antworten. In diesem Moment kamen Grizel und Juliet zu der Gruppe. Herr Mensch ignorierte das ältere Mädchen, wandte sich an Grizel und sagte in beängstigendem Ton, sie solle sich sofort ins Boot begeben und Anita und Sophie schickte er mit.
Dann sagte er zu dem wie gelähmt dastehenden Mr. Sindon:
„Es tut mir leid, mein Herr, wenn Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet, dass ich die jungen Damen mitnehme, aber sie sind hier ohne das Wissen ihrer Eltern und Erziehungsberechtigten. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag!“
Damit drehte er sich um und schritt zum Boot, wo Anita, die die Tochter eines guten Freundes war, sich in Tränen aufgelöste.
Sophie sah verängstigt aus und Grizel hatte sich soweit erholt, dass sie wütend über die Bevormundung war. Herr Mensch beachtete sie jedoch nicht.
„Wie seid ihr dort hingekommen?“ fragte er die beiden anderen in ihrer Sprache. Sophie zeigte auf das am Steg vertäute, leichte Ruderboot.
„Wir sind von Scholastika her gerudert.“ erklärte sie.
„Ich verstehe,“ sagte er. „Jetzt werdet ihr jedoch mit mir zurückrudern.“
Dann wandte er sich and das englische Mädchen.
„Du kommst mit uns,“ sagte er. „Steig ein.“
Grizel warf ihm einen Blick zu und gehorchte.
Sophie und Anita waren bereits im Boot. Schweigend fuhren sie nach Scholastika. Bernhilda und Frieda sagten nichts, da sie die Wut ihres Vaters kannten und Joey musste sich sehr zurückhalten, um ihre Gedanken nicht laut auszusprechen.
In Scholastika angekommen, führte er sie erst zur Villa der Rincinis und dann zudem Hotel, in dem die Hamels wohnten.
Von dort rief er im Chalet an und informierte Madge, dass sie Grizel getroffen hatten und sie mit ihnen nach Maria Kirch gehe, um dort die berühmte Kirche zu besichtigen und sie würden am Abend zurückkehren.
Dann ging er zu den Mädchen schickte Bernhilda und Joey vor und folgte mit Frieda und Grizel an der Hand.

Es war ein ungemütlicher Ausflug und als sie nachmittags zurückkamen, führte Herr Mensch ein langes Gespräch mit Miss Bettany, welches dazu führte, dass Grizel eine solch heftige Strafpredigt zu hören bekam, wie seit ihrer Abreise aus England nicht mehr.
Was sie am meisten traf, war das Bewusstsein, dass man ihr nicht vertraute, jedenfalls vorerst nicht.

Was Juliet betraf, hatte Kapitän Carrick gerade am Morgen veranlasst, dass sie das restliche Halbjahr als Internatsschülerin bleiben würde, da er und seine Frau in München Freunde besuchten und sie nicht mitnehmen wollten.
Miss Bettany beschloss ein wachsames Auge auf die neue Schülerin zu haben!

_________________
Lieben Gruß
Lisa


Der Mensch sollte lesen, wozu es ihn gerade treibt; was er nur aus Pflichtgefühl liest, wird ihm wenig nützen.
(Francois de la Rochefoucauld)


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